Wer im Glashaus sitzt …

Wer im Glashaus sitzt
Foto: Stefan Hage
Ein Beitrag von Eyass Hannoun und Stefan Hage

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in arabischen und deutschen Redewendungen

Sprache ist mehr als Vokabeln und Grammatik. Sprache ist Kultur und bekommt ihre Würze durch Redewendungen. Jeder, der eine Fremdsprache gelernt hat und sich bereits in dieser verständigen kann, stolpert zu allerletzt über Redewendungen und „geflügelte“ Worte. Selbst ein Dialekt ist leichter zu verstehen. Wenn man aber „BUTTER BEI DIE FISCHE GEBEN SOLL“ versteht man meist nur „BAHNHOF“ . Das Problem ist die Herangehensweise. Man darf nicht die einzelnen Wörter übersetzen, sondern muss zuerst die Bedeutung verstehen und diese dann übersetzen. Da hilft es, wenn man die Sprichwörter und Redewendungen seiner eigenen Muttersprache gut beherrscht, denn speziell zwischen der arabischen Sprachkultur und der deutschen gibt es erstaunliche Parallelen.

Die vermutlich erste Redewendung, über die man stolpert, wenn man im Sprachkurs sitzt, ist: „ICH VERSTEHE NUR BAHNHOF“ . Man sagt dies, wenn man etwas (sprachlich) nicht versteht. Insbesondere bei schnell gesprochenen komplizierten Wegbeschreibungen in der Fremd- sprache, versteht man meist nur das gut bekannte Wort „Bahnhof“. Der Dudenverlag Berlin erklärt in einem kleinen Lexikon unterhaltsam und lehrreich über 700 Redewendungen nebst Ursprüngen und Bedeutungen. Dort wird vermutet, diese Redewendung geht auf Soldaten im Ersten Weltkrieg zurück. „Bahnhof“ bedeutete für sie „Entlassung“ und „Heimkehr“ und galt als der große Wunsch. Eine andere Erklärung ist „Bahnhof“ als Ausgangspunkt einer Urlaubsreise, auf die man sich so freut, dass man unter Arbeitsstress irgendwann nur noch „Bahnhof versteht“. Im Arabischen beschreibt man solche Situationen mit: „Ich bin wie der Taube auf dem Hochzeitsfest“. Der Taube sieht zu schnelle Lippenbewegungen und kann sie nicht mehr lesen, kurz: Er versteht nur Bahnhof.

Anders ist dies beim Sprichwort „DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM“ . Gemeint ist die klare Zuordnung von zwei Fakten. Wenn auf einer Wiese fünf Apfelbäume unterschiedlicher Sorte stehen, kann davon ausgegangen werden, dass z.B. die grünen sauren Äpfel genau unter dem Baum liegen, auf dem diese Sorte wächst. Im Arabischen lobt man einen Vater, wenn sein Sohn die gleiche Leidenschaft wie er hat, indem man sagt, dass das Löwenkind nun mal vom Löwen stammt. Da im Arabischen die Begriffe für den männlichen Löwen, die Löwin und das Löwenkind grundverschiedene Wörter sind, klingt dies im Arabischen besser als im Deutschen. Während unser Apfel-Sprichwort auch im negativen Kontext Anwendung findet, nutzt man im Arabischen den Vergleich mit den Löwen nur lobend, nicht aber, wenn der kleine Löwe Mist gebaut hat. Für Mädchen gibt es ein anderes Sprichwort: „Drehst du den Topf, wird die Tochter wie die Mutter“. Dies hat in beiden Sprachen wörtlich gesehen keinen Sinn, klingt im Arabischen aber sehr gut.

Kennt man die Bedeutung von Sprichwörtern, versteht man so manchen kleinen „Witz am Rande“ und kann Emotionen durch sie ausdrücken, selbst dann, wenn man sie schwer in Worte fassen kann. Wie erkläre ich einem Syrer, was er „AUF EINER BACKE ABSITZEN KANN“ und was nicht? Ganz einfach: All das, was er „auf einem Bein durchstehen“ kann. Genau so heißt nämlich im Arabischen das entsprechende Pendant. In beiden Sprichwörtern geht es um Beharrlichkeit und Geduld.

Weitere Ähnlichkeiten gibt es beim Kochen: Im Deutschen „VERDERBEN ZU VIELE KÖCHE DEN BREI“ , im Arabischen „zu viele Hände das Gericht“. Während die Deutschen „gegen den Strom“ schwimmen, „schwimmt“ man in der arabischen Sprache „gegen die Strömung“. In beiden Redewendungen ist das gleiche zu verstehen: „Man zwitschert nicht mit dem Schwarm“ oder „man stimmt nicht in den Chor (der Mehrheit) mit ein“.

Einige Sprichwörter haben in den hier verglichenen Sprachen kleine feine Unterschiede in der Aussage. Im Deutschen sagt man: „WER IM GLASHAUS SITZT, SOLLTE NICHT MIT STEINEN SCHMEISEN“ . Im Arabischen gibt es etwas Ähnliches: „Wessen Haus aus Glas ist, sollte andere nicht mit Steinen bewerfen“. In beiden Fällen rät man jemandem davon ab, andere zu verletzen, wenn man selbst verletzlich ist. Leider, so scheint es, ist manch großem Politiker dieses Sprichwort heutzutage unbekannt.

Zum Schluss wollen wir noch mal „BUTTER BEI DIE FISCHE MACHEN“ . Es wird verwendet, wenn man „ENDLICH ZU POTTE KOMMEN WILL“ (Pott = Suppentopf, komm endlich zu Tisch) oder einfacher ausgedrückt: Komm endlich zum Schluss! Werde endlich fertig! Komm endlich zu dem, was du eigentlich sagen willst! Die falsche Verwendung von grammatikalischen Regeln macht das Sprichwort sogar noch etwas lustig. Im Arabischen sagt man „Gib mir die Butter!“ und meint: Gib mir Ergebnisse! Keine Zwischenschritte, keine Details!

(Eyass und Stefan verbrachten Stunden mit dem Vergleich von Redewendungen)

STEFAN HAGE UND EYASS HANNOUN

Authors

Geschrieben von
Mehr von Eyass Hannoun

Lamm mit Erbsenreis

Ein Rezept von Chefkoch Eyass Hannoun 400 g Rundkornreis, 400 g Lammfleisch...
mehr