„Tamaroz“ (Simulation) | Ein Film im Forum des jungen Films der Berlinale

© Iranian Independents

Tamaroz erzählt die Geschichte rückwärts: Vier Männer werden in eine Polizeistation gebracht. Sie streiten miteinander und erzählen unterschiedliche Versionen eines Vorfalls. In Rückblenden erfahren die Zuschauer, wie es sich tatsächlich zugetragen hat. Die Nacht auf der Polizeistation endet dramatisch. Aufgenommen wurde der Film in einer Blackbox und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Alle Türen und Gegenstände sind grün. Die Männer sind uniform in Jeans und T-Shirts gekleidet, die beiden Frauen in Schwarz. Alle tragen blaue Stiefel. Die Reduziertheit der Umgebung erzeugt eine ausgesprochene Konzentration auf die sehr präsent wirkenden Figuren. kulturTÜR hat mit dem Regisseur Abed Abest gesprochen.

Wie sind Sie zum Filmemachen gekommen?

Ich habe zuerst Architektur studiert, bevor ich zum Theater ging. Nach sechs Jahren habe ich mein erstes professionelles Theaterstück aufgeführt. 2013 habe ich ein Angebot bekommen, im Film mitzuspielen. Dann habe ich selbst einen Kurzfilm, daran anschließend einen mittellangen Film gemacht, und so hat das alles seinen Lauf genommen.

Tamaroz ist Ihr erster langer Film. Er lief jetzt auf der Berlinale. Wie war das für Sie?

Wir hatten hier auf der Berlinale die Weltpremiere. Darüber bin ich sehr glücklich und freue mich riesig. Ich habe es total genossen, hier zu sein. Vor allem auch, weil ich die Filme aus dem Forum, dem Forum Expanded und die Kurzfilme sehen konnte. Hier gibt es so viele Filme, die mich ganz besonders interessieren, weil ich sonst keinen Zugang dazu habe. Dagegen kann man sich die Filme im Wettbewerb irgendwann im Kino ansehen.

Abed Abest freut sich, viele experimentelle Filme im Forum der Berlinale sehen zu können.

Ihr Film „Tamaroz“ arbeitet sehr stark mit Reduktion. Das Studio ist wie eine Blackbox aufgebaut. Was ist der Hintergrund dieser Idee?

Die Geschichte musste einfach in dieser abstrakten Form erzählt werden. Warum ich diese Art von minimalistischer Ausdrucksweise gewählt habe, liegt daran, dass der Film nur diese Dinge braucht. Wäre ich raus gegangen, hätte ich sie draußen gefilmt, wären sehr viele Dinge da gewesen, die der Film überhaupt nicht benötigt, und die überflüssig sind.

Die Gegenstände haben alle eine bestimmte Farbe: Grün. Welche Rolle spielt das?

Beim Filmemachen steht die Farbe Grün dafür, die markierten Objekte mit etwas zu ersetzen, wie bei einer „Greenscreen“-Technik. Der Zuschauer kann sich die Umgebung selbst vorstellen, sich Dinge ausdenken und damit die Geschichte füllen.

Der Film heißt „Tamaroz“, das bedeutet „Simulation“. Wie eine Computersimulation ist auch die Kameraführung. Warum funktioniert Ihre Geschichte nur so?

Die Geschichte braucht diese Art von Bewegung. Beim Schauen des Films merkt man, dass es ab einer gewissen Zeit einen „Gamer“ gibt, der die Geschehnisse beeinflussen und verändern kann. Das spürt man. Es geht darum, dass ein Beobachter da ist. Tatsächlich wurde zweimal eine Einstellung wie beim Spiel „Watchdog“ benutzt. Daher kommt auch eine Stimmung wie bei einem Spiel auf.

Die Geschichte wirkt zuerst sehr einfach, wird aber dann von verschiedenen Zeiten überlagert. Was möchten Sie damit ausdrücken?

Ich wollte in dieser einfachen Geschichte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einen Punkt zulaufen lassen. All diese Zeiten laufen auf einen Punkt zu und treffen aufeinander.

Im Film hat man eine starke Dichtheit und Vertrautheit gespürt.

Ein Grund war vielleicht auch, dass das Budget sehr beschränkt und die Drehtage limitiert waren. Weil wir nicht so viel Spielraum hatten, haben wir drei Monate vorher schon viel zusammen geübt, um Fehler beim Shooting zu vermeiden. Das war etwas, was uns stark zusammengebracht hat, bevor wir anfingen zu filmen.

Die drei jungen Männer im Film sind Freunde. Spielen sie sich selbst? Sind sie wirklich Freunde?

Wir kannten uns alle schon vorher; zum Großteil aus der Studienzeit und aus verschiedenen Arbeiten, die wir schon zusammen gemacht haben. Wenn wir uns nicht gekannt hätten, wäre es viel schwieriger gewesen. Vor allem ist es im Iran auch so, dass es schwierig ist, offen zueinander zu sein, wenn man sich nicht kennt. Da spielt es eine große Rolle, dass man Vertrauen zueinander hat. Und jetzt – nach dem Film – ist die Beziehung noch viel stärker, und wir sind noch viel mehr befreundet als vorher schon. Freunde können sich auf gewisse Art und Weise komplementieren, können etwas nach vorne bringen, etwas bewegen. Freundschaft ist eines der wichtigen Elemente.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihren weiteren Projekten.

 

Tamaroz

Produktion Maryam Shafie Produktionsfirma Hich Film (Teheran, Iran).
Regie, Buch Abed Abest.
Kamera Hamid Khozouie Abyaneh.
Schnitt Haydeh Safiyari.
Musik Bamdad Afshar
Sound Design Bamdad Afshar

Ton Shahin Poor Dadashi.
Production Design Majid Yousefi.
Farbe. 84 Min. Farsi.
Uraufführung 14. Februar 2017, Berlinale Forum
Weltvertrieb Iranian Independents

Abed Abest

Filme
2011: I Haven’t Seen Hossien Since the Day Before Yesterday (8 min.)
2014: The Corner (40 min.)
2017: Tamaroz / Simulation (84 min.)

Das Interview führten Mortaza Rahimi & Rita Zobel
Dolmetscher: Mortaza Rahimi & Afsun M. Nezhad

Geschrieben von
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