Mit Liebe geschrieben. Porträt eines afghanischen Kalligraphen

Im Stadtmuseum Berlin, das im Ephraim-Palais in Berlin-Mitte untergebracht ist, sitzt eine Handvoll Menschen rund um einen Tisch. Voll konzentrierter Aufmerksamkeit versuchen sie, mit Bambusfedern in der Hand auf einem Blatt Papier etwas Schönes zu schreiben – auf Persisch. Alle im Raum sind Deutsche; ihr Interesse an der Kalligraphie hat sie hergeführt. Seit einigen Monaten veranstaltet das Museum Workshops für Menschen, die Kalligraphie lernen wollen. Mit großem Erfolg: Die Kurse stoßen bei Liebhabern des „Schönschreibens“ auf große Begeisterung. Moderator der Workshops ist Ali Panahi, ein Flüchtling aus Afghanistan. Vor anderthalb Jahren kam er in Deutschland an. Seit einem Jahr ist er im Stadtmuseum Berlin tätig.

Foto: Diana Juneck

Von der Kalligraphie auf Stein zur Kalligraphie im Stadtmuseum Berlin

Schon als er mit sieben zur Schule ging, hatten es Panahi die Kalligraphie-Bücher mit ihrer goldenen Schrift (Die Schrift war mit Gold eingelegt) angetan. In der abgelegenen Gegend in Afghanistan, in der er wohnte, war es damals nicht einfach, Stift und Papier zu besorgen. Er behalf sich, indem er mithilfe von Nägeln auf flachen Steinen schrieb und versuchte, die in den Büchern mit Gold eingelegten Schriftzeichen in den Stein zu ritzen.

Für Panahi ist Kalligraphie ein bildhaftes Symbol für Schönheit, die ihn schon immer in ihren Bann zu ziehen vermochte. Er erzählt, im Iran habe er neben seiner Tätigkeit bei einer Steinfabrik auch Kalligraphie gelernt. Die Nastaliq-Schrift (Eine persische Schriftart) hat er bis zur letzten Stufe studiert und die Meisterprüfung abgelegt. Als einem afghanischen Asylbewerber verweigerte man ihm im Iran allerdings die Zeugnisübergabe.

Ali Panahi kam Ende 2015 nach Deutschland und begann Mitte 2016 offiziell mit seiner Arbeit im Stadtmuseum Berlin. „Als ich anfing, musste ich zunächst vor allem die Projekte und Ausstellungsstücke des Museums kennenlernen, was mir in kürzester Zeit gelang. Ich bestand die Prüfung und übernahm einmal wöchentlich die Führungen auf Persisch und Arabisch.“ Neben seinen Kalligrafie-Workshops schreibt der afghanische Künstler auch persische und arabische Texte für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Museums.
Während er mit voller Konzentration einem der Teilnehmer beibringt, die Bambusfeder in der Hand zu halten, erzählt er: „Bisher habe ich zwei Workshops in Berlin gegeben, die von einer großen Anzahl von Teilnehmern besucht wurden. Alle lieben es, wenn ich ihren Namen auf Persisch schreibe.“ Ali Panahi sieht Kalligraphie nicht als einen Beruf, sondern als etwas, das ihn „verliebt macht“. Er schreibt mit Leidenschaft und Liebe. Er sagt, die Stimme einer Bambusfeder auf dem Blatt Papier sei etwas sehr Spannendes für ihn.

Kunst und menschliche Beziehungen

Ali Panahi ist überzeugt, dass Kunst die menschlichen Beziehungen beeinflussen kann. Innerhalb der Kunst habe Kalligraphie den größten Einfluss, da sie in allen Sprachen und Kulturen üblich ist. Er glaubt, dass Kunst Menschen einander näherbringt und Geist und Seele formt. Für ihn ist die Kalligraphie wie ein Fußabdruck des Menschen tief in der Geschichte, die der Nachwelt einen Anhaltspunkt gibt; mit anderen Worten sei „die Schrift der Prophet der menschlichen Ideen.“ (Wörtliche Übersetzung der von Panahi verwendeten Metapher) Die Frage, ob es für ihn schwierig sei, in einem nichtpersischen Land Persisch zu zeichnen, verneint er. „Nein, das Gefühl habe ich nicht. Ich glaube, man behält seine Talente unabhängig von seinem Wohnort. Oberflächliche Unterschiede der Kulturen schaffen nicht einmal Widerspruch, geschweige denn machen sie Schwierigkeiten.“
Bisher, sagt der afghanische Künstler, habe er kein einziges Stück seiner kalligraphischen Kunstwerke verkauft. Wenn es weiter so gut läuft wie bisher, wird er das auch zukünftig nicht tun. Außer, wenn er eines Tages vielleicht dazu gezwungen sein sollte.

Übersetzung aus dem Farsi von Faisal Maandgaar, deutsche Überarbeitung von Juliane Metz.

Geschrieben von
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