Das Kopftuch – gesellschaftliche Konvention oder religiöse Pflicht?

Die zurückliegenden fünf Jahre haben das Antlitz Syriens stark verändert – äußerlich, aber auch in Bezug auf die Mentalität seiner Bevölkerung. Früher legte unsere Gesellschaft insgesamt gesehen keinen wirklichen Wert auf die Manifestation religiöser Symbolik, unter anderem des Kopftuchs (Hidschab). Diese entsprang eher Sitten und Traditionen als religiösen Überzeugungen. Dann erlebte das Land einen schlagartigen Zerfallsprozess und glitt in einen Zustand des Chaos ab. Ihr politisches Auseinanderdriften hatte auch eine gesellschaftliche Spaltung und tiefgreifende Veränderungen auf der zwischenmenschlichen
Ebene zur Folge. Die einen schafften es ins Ausland, die anderen gingen in den Fluten des Meeres unter oder ertranken in den Problemen, die ihnen aus der allgemeinen Lage erwuchsen. Niemand kümmerte sich mehr um die Geschicke der anderen.

Zweifache Rebellion

Das bestialische Vorgehen des Assad-Regimes gegen Frauen und Mädchen führte dazu, dass viele Syrerinnen von ihren Familien ins Ausland geschickt wurden, um nicht vergewaltigt oder getötet zu werden. Währenddessen harrten die anderen im Land aus, um vor Ort die Stellung zu halten oder um Familienmitglieder zu unterstützen. Dem Einflussbereich ihrer Familien und Ehemänner entzogen, fanden sich die Frauen in den Nachbarländern oder in Europa wieder, wo das Ideal der Meinungsfreiheit und andere Grundrechte dieser Art einen hohen Stellenwert genießen. Dadurch wurden jene Frauen darin bestärkt, ihrer Persönlichkeit mit durchaus unterschiedlichen Mitteln Ausdruck zu verleihen – sei es durch das Ablegen des Kopftuchs oder im Gegenteil durch dessen bewusstes Tragen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass in dieser Frage nur die Frau selbst zu entscheiden hat, und zwar gemäß ihrer inneren Überzeugung. Zwang und Unterwerfung haben bei dieser Sache nichts verloren. Mit dem Ablegen des Kopftuchs bringt die syrische Frau ihre zweifache Rebellion zum Ausdruck: erstens gegen das Regime, zweitens gegen die Unterdrückung ihrer individuellen Freiheiten.

Beweglichkeit und Kombinierfreudigkeit

Deutlich hat sich dies seit Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 manifestiert, auch wenn es nach meinen Beobachtungen nicht soweit geführt hat, dass das Kopftuch gänzlich und in allen Fällen abgelegt wurde. Aber etliche unter den jungen Frauen sind zu einem anderen Verständnis von Verhüllung gelangt, indem sie den Scharia-konformen langen Mantel (manto) mit etwas Komfortablem und Praktischem wie etwa Jeans und T-Shirt ersetzt haben. Dazu tragen sie weiterhin ein leichtes Kopftuch, mal farbig, mal weiß, wie es gut zum modernen Stil passt. Ich bin überzeugt, dass das Engagement von Frauen in der syrischen Revolutionsbewegung – insbesondere bei denjenigen, die vor Ort Informationsarbeit und Nothilfe geleistet haben – ein neues Bedürfnis danach geweckt hat, sich unbeschwerter zu kleiden.

Die Aufgabe alter Gewohnheiten und der Beginn einer neuen Erfahrung

Es scheint, dass auch die Fluchterfahrung und die Migration in eine neue Umgebung, in der Vollverschleierung nicht üblich ist, den Frauen dabei geholfen haben, sich von Gewohnheiten frei zu machen, die sie davor schon als restriktiv empfunden hatten und die ihre Akzeptanz durch die Gastgesellschaft erschweren würden. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie sich völlig von der Idee des Kopftuchs und der Bedeckung des Haares verabschiedet haben.
Diejenigen, die sich bisher nicht aus innerer Überzeugung und religiöser Motivation verschleiert haben, sondern nur wegen der Gesellschaft und des Geredes der Leute, sollen das Kopftuch einfach ablegen. Jeder Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Allerdings sollten sich ehemalige Kopftuchträgerinnen nicht dazu hinreißen lassen, die religiösen Überzeugungen anderer in ein schlechtes Licht zu rücken. Nicht jeder wird es gutheißen, dass so viele junge Mädchen und Frauen das Kopftuch ablegen, aber dies darf die Akzeptanz der persönlichen Wahl anderer nicht in Frage stellen. Womöglich fällt es uns leichter, solche Entscheidungen anzunehmen, wenn diese Akzeptanz von der Familie praktiziert wird.

Übersetzung aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

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