Äußere Freiheit – innere Ketten

Foto: Diana Juneck

Am Anfang stand die Neugier. Ich war gespannt, ob sich das reale Deutschland von dem unterscheiden würde, was ich vor meiner Ankunft über das Land gehört hatte. Jetzt muss ich zugeben: Je mehr ich Deutschland kennenlerne, umso verwirrter werde ich.

Ich hatte mir das Land sehr modern vorgestellt: Großstädte mit unbegrenzten Möglichkeiten, Wolkenkratzern und vielem mehr. Aber die Unterschiede zu meiner Heimat, dem Iran, sind gar nicht so groß. Vielmehr sind es die Menschen, die anders sind. Ehrlich gesagt habe ich noch immer Schwierigkeiten, ihre Sprache zu verstehen, aber auch ihre Motive sind mir noch oft ein Rätsel. Manchmal denke ich, ich hätte verstanden, was sie meinen – dann aber merke ich schnell, dass ich mich irre.

Wer sind diese Menschen?

Die meisten Deutschen, die ich treffe, erlebe ich als sehr offen. Sie sind interessiert an den Schicksalen der Geflüchteten, hören zu und begegnen uns mit Sympathie. Und immer wieder frage ich mich: Wer sind diese Menschen? Warum helfen sie uns? Und warum suchen sie den Kontakt zu uns?
Es ist ihnen sehr wichtig, dass ich ihre Sprache lerne. Sie bestehen sogar darauf und regen mich dazu an. In unserem Heim gibt es jeden Tag ehrenamtlichen Deutschunterricht. Die Menschen unterrichten dort freiwillig – und das, obwohl ihre Kinder allein zu Hause sind.
Die Zeit fliegt dahin. Und es scheint mir, dass die Zahl meiner Fragen inzwischen größer ist als die Anzahl der deutschen Wörter, die ich bisher gelernt habe. Jeder Tag und jede Stunde bringt mir neue, unbekannte Begebenheiten und Erfahrungen – Erlebnisse, die ich nicht richtig einzuordnen vermag und bei denen ich nicht weiß, welche Schlüsse ich daraus ziehen soll.

Frauen mit wunderschönem Haar

Bei meiner Ankunft in Deutschland kam ich mir vor wie in einem Film. Zum ersten Mal sah ich Frauen ohne Kopftuch auf der Straße. Wohin ich den Blick auch wendete – sie waren überall. Ganz so, als ob sie nur für mich unterwegs wären.
Frauen mit Haaren in jeder erdenklichen Farbe, lang und schön! Es hat mir so gut gefallen, dass ich mich lange Zeit nicht sattsehen konnte. Eine nach der anderen schien mir den Kopf verdrehen zu wollen. Ich entdeckte, dass ich die Mädchen mit den schönen Haaren in meinem eigenen Land seit Langem vermisse.
Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich die Vielfalt an Haarfarben wahr. Manche Farben sind natürlich, bei anderen ist es schwer zu erkennen, ob die Haare nicht doch gefärbt sind – nur manchmal lässt es sich am Haaransatz erkennen.

In Freiheit – aber nicht frei

In Deutschland herrscht „Freiheit“, im wahrsten Sinne des Wortes. Alle möglichen Arten von Freiheiten darf man hier ausleben. Aber obwohl ich jetzt hier lebe, fühle ich selbst mich nicht frei. Die Freiheiten, so scheint es mir, gehören einer anderen Kultur und Gesellschaft und nicht mir. Sie gehören nur denen, die auch innerlich frei sind; nicht denen, die ihre eigenen Gefängnisse in sich tragen: große Ängste und schwere Ketten aus Sünde, verschlossen mit massiven Schlössern. Unsere Kultur hat uns in Ketten gelegt. Und sobald wir uns an die Vergangenheit erinnern, fühlen wir sie. Und merken, dass diese Freiheit nicht uns gehört – noch nicht. Wir müssen diese Ketten loswerden.

Übersetzt aus dem Farsi von Faisal Maandgaar, überarbeitet im Deutschen von Juliane Metz

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