Und wieder beginnt alles von vorne

Im Februar wurde die Notunterkunft in der Sochos-Sporthalle freigezogen

Ich war eine der ersten Personen, die einzogen. Als ich eintrat, waren dort nicht mehr als vier oder fünf Leute. Es war eine Sporthalle in Berlin-Steglitz, welche 2015 zu einer vorübergehenden Unterkunft mit 200 Betten für Geflüchtete umfunktioniert worden war. Dieser Aufenthalt war jedoch nicht vorübergehend. Man teilte uns mit, dass wir nicht länger als drei Monate dort bleiben würden. Danach sollten wir an einen anderen Ort verlegt werden und diese Halle sollte wieder Sporthalle sein. Nach drei Monaten wurden weder wir verlegt, noch wurde die Halle dem Sport zurückgegeben.
Wir hatten uns daran gewöhnt, immer wieder zu hören, dass die Halle geschlossen wird, ohne dass dies geschah. Die Sochos-Sporthalle in der Lessingstraße war von Oktober 2015 bis Februar dieses Jahres ein Obdach für Flüchtlinge verschiedener Herkunft. Insgesamt haben 626 Geflüchtete aus 27 verschiedenen Ländern über 16 Monate an diesem Ort gelebt. Am 2. Februar 2017 wurde diese Notunterkunft dann sehr plötzlich geräumt und alle 47 übriggebliebenen Geflüchteten wurden in eine neu errichtete modulare Unterkunft (MUF) nach Marzahn verlegt.

Eine Erfahrung, die ich nicht vergessen werde

Wenn eine Notunterkunft in einer Sporthalle geschlossen werden kann, weil bessere Wohnlösungen da sind, dann ist das natürlich gut. Ich bin mit mir aber immer noch nicht im Reinen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich darüber Freude oder Trauer empfinde. Sicherlich freue auch ich mich, dass dieser Ort geschlossen wurde, denn es war kein Ort zum Wohnen. Es war ein Ort, an dem man Sport macht. Wir waren gezwungen, dort zu leben. Ich bin froh und hoffe, dass alle, die an diesem Ort gewohnt haben und verlegt wurden, bald ihren Weg finden und ein gutes Leben für sich aufbauen können. Andererseits bin ich wegen meiner ersten Erfahrungen in dieser Berliner Sporthalle auch ein bisschen traurig. Es sind Erfahrungen, die ich niemals vergessen werde. Sechs Monate nach meinem Aufenthalt in dieser Sporthalle, genau zu dem Zeitpunkt, als die Halle maximal belegt war, bin ich in eine Mietwohnung umgezogen. Das war großartig, ich begann richtig in Berlin anzukommen.
Wenn ich die Zeit dazu fand, wie zum Beispiel an manchen Wochenenden oder wenn ich traurig und bedrückt war, stieg ich intuitiv auf mein Fahrrad und fuhr zu dieser Halle. Es kommt mir so vor, als ob ich dort Frieden finde. Allein die Tatsache, dass ich dort wieder ein paar Freunde treffen und mit ihnen ein paar Worte wechseln konnte, beruhigte mich. Vielleicht hört sich das komisch an, aber für mich war das Leben in dieser Halle zwar keine gute Erfahrung, aber eine wichtige.
Ich habe ein gutes Gefühl. Ich bin sicher, dass ich das alles vermissen werde. Vielleicht schaue ich irgendwann mal wieder bei dieser Halle vorbei und verweile dort für eine kurze Zeit.

Foto: Diana Juneck

Nach über einem Jahr noch immer keine feste Bleibe

Trauriger als all dies sind die Gefühle der Bewohner dieser Sporthalle. Menschen, die bis zu 15 Monate hier gelebt haben. Sie haben Bekanntschaften sowohl mit ihren Landsleuten als auch mit fremden Kulturen gemacht und haben vielleicht auch neue Freunde gefunden. Menschen, die über eine lange Zeit wie eine Familie beisammen wohnten. Sie wissen noch immer nicht, wohin ihr Weg sie führt und was ihnen bevorsteht. Alle wurden am 2. Februar morgens mit Bussen an einen neuen Ort gebracht. Einen Ort mit neuen Umständen, teils besseren, teils schlechteren. Dieses Gefühl und diese Gedanken können sie zurück an ihren ersten Tag in Berlin versetzen. Dasselbe Gefühl, neu zu sein, eine neue Umgebung, neue Leute, neue Regeln und Gegebenheiten kennenlernen zu müssen.
Auch wenn es bürokratisch nicht einfach war, konnte immerhin der Kicker (eine Spende an die Bewohner) mitgenommen werden. Es wird schwierig für die Geflüchteten, mit dem Kiez um die Lessingstraße bzw. mit dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf in Kontakt zu bleiben. Sogar das Team, welches in dieser Sporthalle gearbeitet hat, hat sich sicherlich an diese Menschen dort gewöhnt. Auch sie müssen sich spontan neu orientieren und jeder sucht eine neue Arbeit. Sie schreiben Bewerbungen und schicken diese zu verschiedenen Stellen. Einige haben bereits wieder einen Job.

Übersetzung aus dem Farsi von Faisal Maandgaar, deutsche Überarbeitung von Juliane Metz

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Geschrieben von
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