Unterschiede zwischen syrischen und deutschen Familien

Zeichnung: Shrouk Hamza

Im Dezember 2015 kam ich von Syrien nach Deutschland und lebe seither in Berlin. Hier sind viele Dinge anders, als ich es aus meiner Heimat kenne. So zum Beispiel auch, wenn es um Familien geht.

In Syrien gilt die Familie als die wichtigste soziale Beziehung im Leben. Überall gibt es regelmäßige Familientreffen, meist am Wochenende: Man trifft sich zu den Festen und allen möglichen anderen Anlässen. Stets wird miteinander gegessen. Danach spielen die Kinder miteinander, während sich die Erwachsenen zusammensetzen und darüber sprechen, wie das Leben derzeit läuft. Wenn jemand ein Problem hat, spricht er offen darüber, und alle versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Wenn zum Beispiel jemand seine Arbeit verloren hat, hilft die Familie ihm mit Geld aus oder unterstützt ihn dabei, eine neue Arbeit zu finden. Auch wenn jemand ein neues Projekt hat, denken alle mit und tragen ihre Ideen dazu bei. Man amüsiert sich miteinander, geht zusammen in den Freizeitpark oder unternimmt gemeinsam andere Freizeitaktivitäten. Natürlich machen es nicht alle Familien in Syrien so. Es ist je nach Gegend unterschiedlich und von den jeweiligen gelebten Traditionen abhängig.

In Deutschland sind solche häufigen Familientreffen nach meinen bisherigen Beobachtungen nicht so verbreitet. Hierzulande bestehen die meisten Familien aus Eltern mit ein oder zwei Kindern, in den meisten syrischen Familien gibt es dagegen mindestens drei oder vier Kinder. Entsprechend kommen bei einem deutschen Familientreffen nicht so viele Menschen zusammen wie bei einer syrischen Großfamilie.

In Syrien wohnen manchmal die Großeltern mit den Eltern und deren Kindern gemeinsam in einer Wohnung. In Deutschland ist das seltener der Fall, hier wohnen die Eltern eher nur mit ihren Kindern zusammen. Manchmal wohnen Familienmitglieder auch in verschiedenen Städten – sicher auch mit ein Grund, weshalb es schwieriger ist, ein Familientreffen zu organisieren.

Eine weitere Gewohnheit der deutschen Familien scheint es zu sein, dass die Kinder ausziehen, wenn sie achtzehn Jahre alt werden, um alleine in einer Wohnung zu leben. In Syrien ist das nicht die Norm. Natürlich gibt es das auch, aber eher, wenn jemand heiratet oder in einer anderen Stadt studieren möchte.
Wie unterschiedlich intensiv die Bindungen innerhalb der Familie bei Deutschen und Syrern sind, zeigen die Beispiele von zweien meiner Freundinnen.
Michelle kommt aus Deutschland und ist achtzehn Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Vater zusammen in einer Wohnung. Ihre Familie besteht mit Onkeln und Tanten insgesamt aus 25 Personen, die zum größten Teil nicht in Berlin wohnen. Dennoch treffen sich alle ab und zu. Dann essen sie gemeinsam und besprechen, was es Neues gibt. Über ihre Probleme würde meine Freundin jedoch nie mit der ganzen Familie sprechen. Das tut sie nur mit ihrer Mutter.

Das andere Mädchen, Sara, kommt aus Syrien und ist siebzehn Jahre alt. Ihre Familie ist noch immer in Syrien, deshalb wohnt sie hier in Berlin jetzt nur mit ihrer Schwester zusammen. Wenn sie achtzehn Jahre alt ist, möchte sie gerne alleine wohnen. Als sie noch in Syrien war, traf sie jedes Wochenende ihre ganze Familie. Nach dem gemeinsamen Essen tauschten sie sich über alles aus, was es zu besprechen gab. Sie fand diese Treffen immer sehr interessant und wünscht sich, dass der Krieg vorbei sein möge, damit sie diese Treffen wieder machen können.

Shrouk Hamza hat den Artikel auf Deutsch verfasst und ins Arabische übersetzt.
Das Bild hat sie selbst gemalt.

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