Editorial | Beziehungen

Foto: Diana Juneck

Mit dem Körper hier – mit dem Herzen bei der Familie

Beziehungen bestimmen unser Leben, unser Miteinander, sind entscheidend für unser Wohlbefinden. Der Titel wurde von den Redaktionsmitgliedern mehrheitlich als Thema für die Zweite Ausgabe von kulturTÜR gewählt. Vielen kommt dabei sofort Familie in den Sinn. Sie ist eine der wichtigsten sozialen Beziehungen. Ihr Fehlen ist das Hauptthema einiger Beiträge. Safwan Almoubark schildert die Geschichte von Ahmed, der mit der Hoffnung kam, seine Familie bald aus Syrien nachholen zu können. Seine Zukunft will er nicht ohne sie verbringen, aber soll er deshalb wieder zurück in den Krieg und sich der Verfolgung des Assad-Regimes aussetzen? Die Zweifel über sein Schicksal sind zu seinen ständigen Begleitern geworden und lähmen ihn; denn mit dem Körper ist er zwar hier, das Herz ist jedoch bei seiner Familie in Syrien. Hussein Ahmad zeigt die Situation des Jugendlichen Haythem, der allein in Berlin ankam und jetzt in einer Jugendwohngemeinschaft lebt. Auch er hat Sehnsucht nach seiner Familie, aber kaum Hoffnung, dass er sie bald wiedersieht. Amina Rayan stellt diesen Schilderungen die rechtliche Lage zum Familiennachzug gegenüber. Mahdi Yagobi und Somayeh Rasouli können nicht verstehen, warum Geflüchtete nach Afghanistan abgeschoben und in den Krieg zurückgeschickt werden, vor dem sie geflohen sind.

Neben der Sorge um die Familie, die nicht einreisen darf, oder der Angst vor einer drohenden Abschiebung werden weitere Faktoren diskutiert, die das Ankommen in Berlin erschweren. Raha Shegeft reflektiert ihre Zeit in der Notunterkunft und erlebte den „Freizug“ der Sporthalle, in der sie selbst sechs Monate untergebracht war. Für die Menschen, die dort Obdach fanden, bedeutet der Umzug eine erneute Übergangssituation, weit weg von den sozialen Kontakten, die sie nach mehr als einem Jahr aufgebaut haben. Ein Ankommen ist nicht in Sicht. Das merkt auch Ayham Hisnawi bei nächtlichen Ausflügen.
Die Schülerin Shrouk Hamza zeigt auf, welche Unterschiede sie zwischen syrischen und deutschen Familien festgestellt hat, während es Adnan Al Mekdad mehr um das abstrakte Wesen von Beziehungen geht. Er fragt unterschiedliche Geisteswissenschaftler nach ihrer Einschätzung.
Den alltäglichen Problemen der Integration steht eine breite Palette von kulturellen Themen und Initiativen gegenüber, auf die wir im zweiten Teil des Heftes besonders eingehen. So erfreuen sich die Kalligraphie-Kurse von Ali Panahi, der von Mortaza Rahimi portraitiert wird, sehr großer Beliebtheit. Als Brückenbauer zwischen der syrischen und der deutschen Gesellschaft fungiert der Tierarzt Dr. Al Habouni – und zwar in beide Richtungen, wie Kais Alatrash und Ricky Matejka zeigen. Dagegen bildet das „Moria Dance Theatre“, das von Hareth Almukdad vorgestellt wird, eher einen Schmelztiegel für verschiedene Kulturen. Im Interview mit einer Deutschlehrerin und ihren eritreischen Schülern machen Kesanet Abraham und Juliane Metz deutlich, welche Rolle die persönlichen Beziehungen im ehrenamtlichen Engagement spielen. Vielleicht ist das schon eine Antwort auf die Frage von Mouod Ghaffarkhani, der sich wundert, wer diese Deutschen eigentlich sind und warum sie sich engagieren. Während die meisten Menschen völlig selbstverständlich die Freiheit, mit der sie hier leben können, schätzen und genießen, beschreibt er sehr persönlich seine Auseinandersetzung mit der neu gefundenen Freiheit in Deutschland. Einer Freiheit, wie er sie in seiner Heimat, dem Iran, nicht kannte.
Ergänzt wird der Kulturteil mit Rezensionen zu Graphic Novels und Gesprächen mit Filmregisseuren auf der Berlinale. Nicht fehlen dürfen ein Rezept von „Elyas kocht!“ und ein Gedicht von Kesanet.

Im Namen der Redaktion

Adnan Al Mekdad, Stefan Hage, Mortaza Rahimi und Rita Zobel

Geschrieben von
Mehr von Redaktion

Hoppla – Stolperwörter

Wer die Sprache neu lernt, findet vieles komisch. Hier erfahren Sie, worüber...
mehr