Nargez‘ zerstörter Traum

Foto: Rita Zobel

Als sie zwölf war, trennte Krebs ihre Mutter und sie voneinander. Sechs Jahre später verlor sie ihren Vater, ihren einzigen Unterstützer, durch einen Selbstmordanschlag. Nargez war achtzehn; war jung, aber einsam. Was stand Nargez bevor? Entweder eine Zukunft als Dienerin ihrer verheirateten Geschwister oder die Zwangsheirat. „Ich fürchtete diese Heirat. Ich wollte das nicht. Hätte ich geheiratet, hätte ich alle meine Lebensträume für immer begraben müssen und wäre einfach zu einer Hausfrau geworden. Meinen vermeintlich künftigen Mann kannte ich nicht – und ich wollte ihn auch nicht kennenlernen. Nach afghanischer Sitte ist ein Kennenlernen vor der Heirat nicht üblich“ erzählt Nargez.
Die Härten des Lebens in einem kriegszerrissenen Land und bittere, tragische Erfahrungen hatten aus Nargez eine willensstarke junge Frau gemacht, die sehr selbständig wirkte für ihr Alter. Sie wollte ihre Wünsche und Träume nicht aufgeben. Sie wollte zur Schule gehen und später studieren. Sie war fest entschlossen, mit eisernem Willen für ihre Träume zu kämpfen.

Auf nach Utopia!

Man hatte ihr erzählt, dass manche junge Frau und mancher junger Mann aus Liebe oder für ein Studium den Geburtsort verlassen musste. Nargez kam es sehr seltsam vor, aus Liebe oder um zu studieren seine Heimat verlassen und auswandern zu müssen. Sie war müde vom Krieg, müde von den täglichen terroristischen Bombenanschlägen, von denen einer ihr ihren Vater genommen hatte. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, ihre Heimat zu verlassen, auch wegen der Gefahr, dass eines Tages der nicht enden wollende Krieg auch sie das Leben kosten könnte. Ihr Plan stand fest: sie wollte irgendwohin, wo sie ihre Träume verwirklichen konnte. Sie wollte nichts mehr von Bombenanschlägen und Explosionen hören, sondern in Freiheit leben und wie in ein leeres Buch mit weißen Seiten ihr eigenes Leben selber zeichnen.

Nargez legte ihr Ziel fest: ein Land in Europa – Deutschland. Sie hatte mal gehört, Deutschland sei wie ein Paradies auf Erden. Es wäre das Utopia ihrer Träume, in dem Nargez ein sicheres Leben ohne jede Angst und Sorge führen könnte. „Ich habe alle meine Bücher, Sachen, und Kleidung meinen Freunden gegeben und sie darum gebeten, mir Glück zu wünschen“, erzählt sie. „Ich hatte Angst davor, mich allein auf den Weg nach Europa zu machen und mich Schleusern anzuvertrauen. Aber auf der anderen Seite hatte ich auch keine andere Wahl, weil ich in Afghanistan jederzeit zum Opfer eines Terrorangriffs hätte werden können.“

Zusammen mit einer Gruppe machte sie sich auf den Weg zu ihrem irdisch-himmlischen Ziel: Deutschland. Sie war froh. Obwohl sie unterwegs mehrmals stolperte und sich verletzte, war sie überzeugt, dass es sich am Ende lohnen würde. Sie war sich sicher, dass dieser unebene Weg gut enden würde.

Wochen später erreichte sie Europa. Endlich war sie in ihrem utopischen Land: Deutschland. Damit ging der belastende Marathonlauf nach Europa, der Nargez alle Kraft und Energie gekostet hatte, zu Ende. Sie saß mit gekreuzten Beinen, richtete ihre Hände zum Himmel und sagte: „Gott sei Dank.“

Foto: Rita Zobel

„Alice im Wunderland“

Mit staubiger, zerrissener Kleidung ging sie in die Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin. Man machte ein Foto von ihrem zerzausten Gesicht und gab ihr eine Wartenummer. Ewig starrte sie mit ihrer Wartenummer in der Hand den Bildschirm an. „Es war ein langes Warten. Stundenlang hat es gedauert, bis meine Nummer auf dem Bildschirm erschien. Im Warteraum habe ich in alle Gesichter geblickt und geflüstert: wir haben alle das gleiche Schicksal“ erzählt Nargez.

Am Ende des Tages schickte man Nargez in eine Sporthalle voller Asylbewerber. Aus Müdigkeit schlief sie auf der Stelle ein. Als sie am nächsten Morgen zum ersten Mal seit Wochen ins Badezimmer ging, fand sie ihren Körper voller Narben und Kratzer. Sie schaute ihr Spiegelbild an, lächelte und flüsterte: „Du hast es geschafft. Du hast es in das Land deiner Träume geschafft, wo du wirklich frei bist.“

Beim Spaziergang durch die Stadt fühlte sie sich wie „Alice im Wunderland“. Sie erinnert sich: „Als ich anfangs nach draußen und in die Stadt ging, begegnete ich Menschen, die anders aussahen als ich.“ Diese Andersartigkeit gefiel ihr nicht. Sie sollte sich ändern. Sie war überzeugt, dass sie sich an die neue Gesellschaft anpassen müsste.

Im Laufe der Zeit wurden ihr die Herausforderungen ihres neuen Lebens mehr und mehr bewusst. Einerseits begegnete sie einer neuen Sprache und Kultur, Menschen, die ihr fremd vorkamen, anderseits musste sie Schritt für Schritt den Prozess bei den Behörden absolvieren, um ihr Asylverfahren fortzusetzen. All das hat sie erschöpft. Nargez gibt zu: „Als ich jeden Tag mit den Asylbewerberbehörden Englisch sprechen musste, wurde mir bewusst, dass ich einen langen Weg vor mir habe und von Null anfangen musste. Quasi wie ein Baby musste ich die deutsche Sprache lernen.“

Drei Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte sie die Erschöpfung ihres Abenteuers noch immer nicht überwunden.

Deutschland ist kein Paradies

Inzwischen sind anderthalb Jahre vergangen. Nargez hat Deutsch gelernt. Sie hat viele Schwierigkeiten gemeistert und sich verändert. Nargez ist jetzt integriert. Ihr Resümee: „Mein eigenes Bild von Deutschland und die Realität waren weit auseinander. Deutschland ist kein Paradies, wie es oft bei uns beschrieben wurde, und das Leben ist hier gar nicht so einfach wie es sich die Menschen oft vorstellen. Aber man lebt hier in Sicherheit und Freiheit und ist weit weg von Krieg.“

„Ich weiß nicht was auf mich noch zukommen wird. Werde ich abgeschoben und muss zurück nach Afghanistan? Oder bekomme ich das Bleiberecht? Aber ich sage mir immer: Nargez! Es zählt nicht, wo du bist, sondern wer du bist. Egal wohin du reist, du bist immer dieselbe Person. Dein Leben hängt von deinem Charakter ab und nicht von deiner Umgebung. Der Himmel hat überall die gleiche Farbe. Du prägst die Welt – nicht die Welt dich.“ Da ist sich Nargez ganz sicher.

Übersetzung aus dem Farsi von Faisal Maandgaar

Geschrieben von
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