Mit Gleichaltrigen lernen

Foto: Mark Abdelnour

KulturTür spricht mit Schülerinnen und Schülern aus Willkommensklassen

Neu zugewanderte Kinder ohne Deutschkenntnisse werden seit 2011 zuerst in Willkommensklassen unterrichtet, damit sie intensiv und schnell Deutsch lernen können, bevor sie in Regelklassen aufgenommen werden.
Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) hat am Nachmittag des 13.12.2016 seine Studie „Willkommensklassen: Mit separierter Beschulung zur Inklusion?“ vorgestellt. Laut „Mediendienst Integration“ bemängeln die Forscher vor allem das große organisatorische Wirrwarr. So wird der Übergang von der Willkommens- in die Regelklasse von Schule zu Schule sehr unterschiedlich gehandhabt. Manche Schulen schließen den Übergang in ihre Regelklassen von vornherein aus. Bezüglich der Kompetenzen, die die Kinder erworben haben sollen, gibt es keine konkreten Vorgaben und auch keinen Lehrplan. Die Lehrerinnen und Lehrer schätzen sich als engagiert und motiviert ein, beklagen aber eine fehlende personelle Unterstützung. Im „normalen“ Schulalltag, z.B. bei Festen und Aktivitäten, werden Willkommensklassen oft vergessen.

Von den Forschern des BIM werden Regelklassen mit zusätzlichem Deutsch-Unterricht als die bessere Alternative zu den „Willkommensklassen“ angesehen. Dieses Modell wird in drei Bundesländern praktiziert, nicht aber in Berlin.

Ebenfalls am 13.12.2016 haben „KulturTÜR“-Reporter zwei der über (laut besagter Studie) 1.000 Willkommensklassen in Berlin besucht und mit Schülerinnen und Schülern der beiden Willkommensklassen am Lichterfelder Willi-Graf-Gymnasium über ihre Situation gesprochen.

Ein Großteil der insgesamt rund zwanzig Schüler spricht Arabisch oder Persisch, außerdem auch Kurdisch oder Spanisch. Die Kommunikation untereinander läuft nach Angaben der Schüler gemischt, d.h. auf Arabisch, Persisch, Deutsch oder Englisch; bei den meisten also vor allem in der eigenen Muttersprache.

Toll an ihrer Klasse finden sie, dass die Lehrerinnen sich Zeit nehmen, ihnen alles zu erklären, und sich sehr bemühen. Viele stört der große Altersunterschied innerhalb ihrer Klassen. Dort werden Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 13 und 17 Jahren gemeinsam unterrichtet. Die offizielle Altersspanne in Berlin liegt sogar zwischen 12 und 18 Jahren! Besser fänden die Schüler, wenn sie nur mit Gleichaltrigen Unterricht hätten. Manche würden deshalb lieber gleich Regelklassen besuchen. Andere haben da noch Berührungsängste und sind vom gemeinsamen Unterricht in den Regelklassen nicht so begeistert. Voraussichtlich werden zum Schuljahresende nur zwei Schüler in eine Regelklasse des Gymnasiums wechseln können. Die anderen wissen noch nicht, wie es nach der Willkommensklasse für sie weiter geht und welche Schule sie dann aufnimmt.
Neben den schulischen Problemen mit Mathe, Physik oder Deutsch werden auch Probleme des Alltags angesprochen. Eine Schülerin beklagt sich über den langen Schulweg. Sie fährt jeden Tag von Potsdam aus nach Lichterfelde und ist für den einfachen Weg bereits über eine Stunde unterwegs. Eine andere Schülerin bemängelt, dass sie mit ihrer Familie schon über ein Jahr in Deutschland ist, sie aber keine Wohnung finden und weiterhin in der Notunterkunft leben müssen. Sie glaubt, ihre mangelnden Deutschkenntnisse seien dafür verantwortlich.

Bei der scheinbar banalen Frage, was sie aus ihrem Heimatland vermissen, zählen die Schüler erst an zweiter Stelle materielle Dinge wie ihr Haus auf. Viel mehr vermissen sie neben Freunden vor allem Familienmitglieder: Vater, Mutter, Geschwister.

Die Frage, was Integration für sie bedeutet, konnten nur wenige beantworten. Ein 14-jähriger Schüler aus Libyen meint: „Integration heißt, dass alle Menschen als gleich angesehen werden.“

(Das Gespräch wurde auf Arabisch und Deutsch geführt.)

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