Der hohe Preis der Freiheit

Abdul Hamid Barakzai lebt als afghanischer Schriftsteller in Deutschland. Foto: Diana Juneck

Schicksal eines afghanischen Schriftstellers

„Hätte ich eine Wahl gehabt: ich wäre niemals aus Afghanistan weggegangen. Ich liebe meine Heimat! Aber die Gegner meiner Ideen ließen mir keine Ruhe. Wegen der ständigen Lebensgefahr, in der ich mich befand, blieb mir schließlich nur, meine Heimat zu verlassen“, erzählt Abdul Hamid Barakzai (54) voll Trauer in der Stimme. Barakzai, zivilgesellschaftlicher Aktivist aus Afghanistan, lebt seit drei Jahren als Asylsuchender in Deutschland. Zusammen mit einem Landsmann bewohnt er ein kleines Zimmer in der fünften Etage einer Asylunterkunft in Berlin.

Im Laufe seines Lebens hat Barakzai viele extreme Situationen durchleben müssen, weil er seinen liberalen Gedanken treu blieb. Während der kommunistischen Herrschaft Babrak Karmals kam er ins Gefängnis; während der Ära von Nur Mohammad Taraki wäre er sogar um ein Haar lebendig begraben worden. Und einmal, so erzählt Barakzai, sei er von Taliban-Kämpfern entführt und erst nach Zahlung eines hohen Lösegeldes freigelassen worden. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten lebte Barakzai in tödlicher Gefahr durch die Taliban. 2013 sah er sich schließlich gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Seitdem wohnt er in Berlin.

Publizistisches Engagement

Bereits als Achtzehnjähriger gründete Barakzai die Zeitung ‚De Maiwand Jagh‘ (auf Deutsch wörtlich: ‚Stimme von Maiwand‘), die er heimlich herausgab [Anm. der Red.: Maiwand ist ein Ort in der afghanischen Provinz Kandahar. Er hat große Bedeutung für die afghanische Geschichte: hier fand im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg 1880 die Schlacht von Maiwand statt, bei denen die Briten eine der größten Niederlagen ihrer Geschichte erlitten]. Eines der Leitthemen des Blattes: die Kritik an der sowjetischen Besatzung Afghanistans und den kommunistischen Marionettenregierungen in Kabul. Als im März 2001 die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden größten Buddha-Statuen der Welt im afghanischen Bamiyan von den Taliban zerstört wurden, protestierte Barakzai und verurteilte diesen aggressiven Akt auf das Schärfste. „Die Zeitung habe ich selber finanziert“, so Abdul Hamid Barakzai. „Um anonym zu bleiben, musste ich Inhalte unter einem Pseudonym veröffentlichen.“
Zwanzig Bücher hat der gebürtige Afghane bereits geschrieben – fünfzehn davon in Afghanistan, fünf in Deutschland. Von jedem seiner in Afghanistan entstandenen Bücher hat er ein Exemplar nach Deutschland mitgebracht und bewahrt sie bei sich zu Hause auf.

Flucht vor dem Tod

Wenn Barakzai von der Vergangenheit spricht, wird deutlich, was für dunkle Tage er hinter sich gelassen hat: Zitternd erzählt er, mit nach vorn gerichtetem Blick, ohne zu blinzeln. Politische Regierungsgegner wurden entweder verhaftet, erschossen oder lebendig begraben. Mehrmals kam der Schriftsteller wegen seiner antisowjetischen Aktivitäten und Kämpfe gegen kommunistische Marionettenregierungen ins Gefängnis. Auch während der Herrschaft von Nur Muhammad Taraki (1978-1979) wurde er verhaftet. Vom Pul-e-Charkhi Gefängnis, dem größten Gefängnis Kabuls, wurde er zusammen mit anderen Häftlingen zu einem unbekannten Ort gebracht, an dem sich Massengräber befanden. Die Soldaten stießen alle Gefangenen hinein. Es war grausamer Brauch der damaligen Regierung, so Barakzai, von den in die Massengräber geworfenen Gefangenen wahllos vier anschließend wieder herauszuholen. Diesen gab man eine zweite Lebenschance – der Rest hatte Pech. Barakzai war zufällig einer von diesen vier Glücklichen.
Während der Taliban-Herrschaft wurde Hamid Barakzai entführt und gegen Geld freigelassen. „Hätten die Taliban mich als Herausgeber antitalibanischer Abendblätter identifiziert, hätten sie mich nicht lebendig laufenlassen“, so Barakzai.

Zwanzig Bücher hat der gebürtige Afghane bereits geschrieben – fünfzehn davon in Afghanistan, fünf in Deutschland. Von jedem seiner in Afghanistan entstandenen Bücher hat er ein Exemplar nach Deutschland mitgebracht und bewahrt sie bei sich zu Hause auf. Foto: Diana Juneck

Leben in Deutschland und Pläne für die Zukunft

Abdul Hamid Barakzai gefällt Deutschland sehr. Er findet es schön, dass hier alle Menschen unabhängig von ihren eigenen Überzeugungen frei und ohne Angst leben können. „Sowohl der Staat als auch die Bevölkerung in Deutschland sind zutiefst gesetzestreu“, glaubt Barakzai. „Ich denke, das hat Deutschland zum beliebtesten Land der Welt gemacht“. Mit seinem Kampf für Freiheit und Abschaffung der Tyrannei habe er bereits einen hohen Preis gezahlt, und er sei entschlossen, diesen Kampf auch künftig weiterzuführen. „Ich wünsche mir sehr, alle meine zwanzig Bücher auch auf Deutsch zu publizieren.“

Übersetzung aus dem Farsi von Faisal Maandgaar

Geschrieben von
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