Heimat

Foto: Hareth Almukdad

Das Wort „Heimat“ besteht aus sechs Buchstaben, hat tausende Bedeutungen und nicht mal in den dicksten Wörterbüchern der Welt lässt sich eine umfassende und vollständige Definition dafür finden. Als wir Kinder waren, haben wir immer wieder gehört: „Namutu namutu wa yaḥya al-waṭan“ („Wir sterben, wir sterben, es lebe unser Vaterland“). Warum heißt es nicht „Wir leben, es lebe unser Vaterland“? Wir haben erst später bemerkt, dass Heimat aus ihrer Sicht aus nichts anderem besteht als einer Handvoll Offiziere und einigen Herrschern. Und wir haben zu spät bemerkt, dass der Patriotismus für die Armen und die Heimat für die Herrscher ist, auch wenn sie uns beibrachten: „Die Religion ist für Gott, die Heimat ist für alle.“

Die Herrschaft der Diktatur hat eine verzerrte Vorstellung von Heimat in uns geschaffen. Mit der Zeit haben wir dazugelernt und nachdem wir unsere Heimat verlassen hatten, trafen wir Menschen, die eine andere Vorstellung von Heimat haben. Für Frau Chtefe etwa, die uns bei Alltagsaufgaben in der Flüchtlingsunterkunft unterstützt, ist Heimat „jeder Ort, der für alle ist, fernab und unabhängig von Glaubenssätzen, Nationalitäten oder Religionen; ein Ort, an dem wir nicht nach unserer Hautfarbe oder Sprache unterteilt werden; ein Ort, der keinen Unterschied zwischen denen macht, die dort Zuflucht suchen.“

Beim Erlernen der deutschen Sprache helfen uns zwei Personen, die vor langer Zeit selbst nach Deutschland ausgewandert sind: Frau Abdo und Herr Hamathane. Frau Abdo ist Kurdin und lebte in Syrien. Ihrer Meinung nach ist Heimat „der Ort, an dem wir als Menschen in Würde leben und unsere Kinder großziehen können, ohne Angst über ihre Zukunft haben zu müssen, und wo wir ihnen ein würdevolles Leben garantieren können.“

Herr Hamathane ist Iraner und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Für ihn ist Heimat „ein Ort, an dem niemand gezwungen wird, eine bestimmte Religion anzunehmen, und an dem niemand als Bürger dritter Klasse behandelt wird, nur weil er eine andere Religion hat als die Mehrheit der Bevölkerung jenes Landes“.

Auch Herr Müggenberg arbeitet als Deutschlehrer, wobei sein eigentlicher Beruf Landschaftsfotograf ist. Für ihn ist Heimat „jeder magische Ort in der Natur“, an dem er mit seiner Kamera allein ist, „ganz gleich, wo genau auf der Welt dieser Ort ist, im Osten oder im Westen“. Glück und Zufriedenheit, zwei der wichtigsten Voraussetzung für Heimat, verspüre er erst, wenn er sein Hobby und seinen Beruf, die Landschaftsfotografie, ausübe.

Foto: Hareth Almukdad

Mit mir besuchen noch zehn weitere Personen den Unterricht. Sie alle haben unterschiedliche Nationalitäten und jeder von ihnen hat seine eigene Auffassung von Heimat. Aobido Allh beispielsweise hat die afghanische Staatsangehörigkeit, ist aber im Iran geboren und aufgewachsen. Er betrachtet Heimat als den Ort, an dem er seine Rechte hat und er seinen Aufgaben nachkommen kann, ohne dass er aufgrund seiner Staats- oder Religionsangehörigkeit dabei eingeschränkt wird. Im Iran sei er aufgrund seiner afghanischen Staatsangehörigkeit in vielen Lebensbereichen benachteiligt worden. Für meinen Kollegen aus der Westsahara, Salim Mahyob, ist Heimat ein Ort, den er noch sucht und an dem er sich selbst finden will. Er ist bereits mehrmals umgezogen, hat sich aber noch in keinem Land und an keinem Ort so gefühlt, als würde er dorthin gehören oder ein Teil davon sein.

Als ich meinen ägyptischen Kollegen Mustafa nach seiner Meinung zum Wort „Heimat“ frage, antwortet er verärgert: „Heimat ist der Ort, an dem ich meine Meinung frei sagen kann, ohne Angst haben zu müssen, verfolgt oder verhaftet zu werden. Heimat lässt sich nicht auf Angst und Unterdrückung erbauen, Angst und Unterdrückung zerstören sie nur.“

Neben uns sitzt ein irakischer Kollege, der vor einem Jahr nach Deutschland kam. Er unterbricht uns mit heiserer Stimme und sagt: „Heimat ist das Land unserer Großväter. Der Ort, and dem wir ursprünglich aufgewachsen sind. Heimat sind unsere Erinnerungen an die Kindheit, Freunde, Familie und Nachbarn. Dennoch war sie nur eine vorübergehende Bleibe, an der wir uns nie sicher fühlen werden.“

Ali, ein junger Mann aus der Westsahara, meint: „Heimat lässt sich mit drei Worten zusammenfassen: Unterkunft, Arbeit, Gleichberechtigung.“

Jeder von ihnen hat eine Heimat in sich und jeder von ihnen sucht nach einer Heimat, die seinen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Die ideale Heimat ist also ein Ort, der all ihren Wünschen und Vorstellungen gerecht wird.

Wieder einmal sind wir also daran gescheitert, eine Definition für „Heimat“ zu finden. Das liegt wohl daran, dass die Heimat meist in uns lebt, wir aber nicht in der Heimat.

Übersetzung aus dem Arabischen von Melanie Rebasso

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