Neue Nachbarn

Raha Shegeft in der Notunterkunft, in der sie die ersten sechs Monate in Berlin untergebracht war. Foto: Diana Juneck

Es war ein kalter, trockener Abend im Oktober. Unser Bus kam von München in Berlin an. Als ich ausgestiegen war, fühlte ich mich sehr einsam. Es war dunkel, und die Straßen waren leer. Mir fiel nur ein Restaurant auf. Ich ging hinein, um jemanden um Hilfe zu bitten. Im Restaurant begegnete ich einer Frau mit Hidschab. Ich erzählte ihr, dass ich allein in einer mir unbekannten Stadt sei. Die junge Frau schrieb mir eine Adresse auf einen Zettel, wo ich hingehen und übernachten könnte. Die Wörter auf dem Zettel konnte ich nicht verstehen. Ich hatte keine Idee, wie ich diese Adresse finden könnte und wohin die Frau mich schicken wollte. Es war spät und ich musste einen Platz zum Schlafen finden. Ich verließ das Restaurant, um die Adresse auf dem Zettel zu suchen. Ich nahm ein Taxi und gab den Zettel dem Taxifahrer.

Brötchen mit Wurst, Käse und Marmelade

Zum Glück konnte ich bei der angegebenen Adresse die Nacht über bleiben. Am nächsten Tag ging ich zu einer Erstaufnahmeeinrichtung, um dort meinen Asylantrag zu stellen. Sechs Monate habe ich in einer Notunterkunft verbracht. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich vielleicht irgendwo mit Deutschen zusammen wohnen würde – aber es kam anders. Die Notunterkunft war eine Sporthalle, und ich wohnte zusammen mit Asylbewerbern aus anderen Ländern. Keine Spur von einem neuen Land oder neuen Nachbarn. Das Leben in einer kleinen Sporthalle gemeinsam mit hundert Frauen und Kindern und nur einer gemeinsamen Toilette war schwierig und unerträglich. Immer wenn ich an diese ersten sechs Monate denke, überkommt mich das Gefühl, dass ich in dieser Zeit gar nicht in Deutschland gelebt habe, sondern nur in einer geschlossenen Umgebung mit Menschen wie mir, die nur eben aus anderen Ländern kamen. Ich dachte, Brötchen mit Wurst, Käse und Marmelade sind typisch deutsche Gerichte, da wir sie täglich zum Mittagessen bekamen.

Notausgang in der Notunterkunft Lessingstraße. Foto: Diana Juneck
Eine eigene Wohnung und eine neue große Familie

Seit neun Monaten wohne ich zusammen mit einer deutschen Studentin in einer gemeinsamen Wohnung. In unserem Haus gibt es insgesamt zwölf Wohnungen. Die meisten unserer Nachbarn sind Deutsche, überwiegend der älteren Generation. Eine Nachbarin von uns ist eine nette hübsche Französin, die ein sehr schnelles Deutsch spricht, mit französischem Akzent. Noch kann ich nicht all ihre Worte verstehen, aber immer wenn wir uns treffen, tauschen wir ein paar Sätze miteinander aus. Ich glaube, sie redet auch gerne mit mir.
Ich bin sehr neugierig darauf, Menschen aus anderen Kulturen und Ländern kennenlernen. Besonders möchte ich so viel wie möglich mit Deutschen kommunizieren, da ich die besten Jahre meines Lebens gemeinsam mit ihnen verbringen werde. Das gestaltet sich aber gar nicht so einfach: Wenn ich meinen Nachbarn im Haus oder im Garten begegne, sagen wir oft nur ein kurzes „Hallo“ zueinander.

Foto: Diana Juneck

Wenn ich gefragt werde, wie lange ich schon in Deutschland bin, antworte ich immer: seit ich aus der Sporthalle raus bin und in meiner Wohnung lebe. Seitdem habe ich viel erlebt. Ich habe neue Menschen kennengelernt und mich mehr und mehr mit Berlin und seiner Bevölkerung vertraut gemacht. Ich habe sehr viel dazugelernt. Und habe verstanden, was die Frau im Restaurant für mich auf den Zettel geschrieben hatte: Deutsches Rotes Kreuz (DRK), wo ich jetzt Mitglied bin. Das DRK hat mir von Anfang an geholfen, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Mit Unterstützung meiner Freunde beim DRK konnte ich einen Erste-Hilfe-Kurs und einen Sanitäter-Kurs besuchen.

In Deutschland habe ich mich selbst wiedergefunden. Hier habe ich nunmehr eine große Familie, die ich nicht mehr verlassen möchte.

Zu gerne würde ich noch einmal in die Straße zurückkehren, in der ich am ersten Abend aus dem Bus stieg, und in das Restaurant gehen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo das war.

Übersetzung aus dem Farsi von Faisal Maandgaar

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