Parallelgesellschaft

Parallelgesellschaft
Illustration: Stefan Hage

Es ist ein schöner Tag. Wir sind zu fünft, wir sind sehr motiviert, wir wollen unser Ziel erreichen. Wir kommen in Marzahn an. Wir gehen in ein Gebäude und klingeln an einer Tür. Dann an der zweiten, der dritten, aber keiner macht auf. Kein Wunder, an diesem sonnigen Tag, da sind viele draußen. Wir klingeln weiter. Wir wollen es wissen. An der vierten Tür passiert es, die Tür geht auf, ein junger Mann mit einem Handy in der Hand. „Keine Zeit“, sagt er mehrfach. Bevor wir etwas sagen, wird uns die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Ein paar Sekunden herrscht Stille, bis wir es begriffen haben. Einer von uns bricht das Schweigen, indem er sagt: „Los! Die nächste Tür.“ Was ist nur los?, frage ich mich.
Ein paar Türen weiter macht jemand auf, ein Netter, aber er hat auch keine Zeit!

Wir wissen nicht, ob wir weitermachen wollen. Wäre es überhaupt möglich, diese Geschichte nur aus einer Perspektive zu erzählen? Noch eine Tür, bevor wir dieses Gebäude verlassen! Diesen Satz werde ich gleich bereuen. Ein alter Mann, Mitte 60, schätze ich, macht auf. „Hallo, wir machen ein Projekt über die Gemeinschaftsunterkunft gegenüber, wie finden Sie die? Sind Sie damit einverstanden?“

„Überhaupt nicht“, sagt er sofort. Aber warum? „Ick will ersma wissen, wer Se sind?“, sagt er mit starkem Berliner Akzent. Wir sind eine Künstlergruppe. Wir machen ein Projekt über das Zusammenleben in Marzahn.

Am Anfang ist er skeptisch. Ich kann ihn verstehen, eine komische Gruppe steht vor ihm, auch noch mit Kamera in der Hand. Wir könnten von der Presse sein! Doch nach einer Weile Hinundher fängt er an zu reden: von Steuern, Geld und Jobs, er redet ohne Punkt und Komma. Komischerweise hat er mit Geflüchteten viel zu tun. Er arbeitet beim Jobcenter – was für ein Zufall.

„Hier war eine schöne grüne Wiese, alles wurde abgerissen, damit die hier wohnen“, sagt er wütend. Der Mann hat drei Töchter, und er macht sich Sorgen um sie. Das verstehe ich, aber dass Deutschland viel zu viel Rücksicht auf die Flüchtlinge nimmt, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. „Alles kriegen die – sogar die Papiere beim Jobcenter kriegen sie übersetzt in deren Sprache!“

Was ist die Lösung aus Ihrer Perspektive? „Es gibt keine Lösung momentan, jetzt ist es zu spät, diese Leute können sich überhaupt nicht integrieren, trotz all des Geldes, das Deutschland ausgibt!“

Aber es gibt viele, die sich integrieren wollen und die Sprache in kurzer Zeit sogar sehr gut beherrschen! „Das stimmt vielleicht, aber es sind nicht viele. Guckt euch die Türken an! Dreißig Jahre in Deutschland, viele sprechen nicht mal zwei Sätze Deutsch!“

Okay, aber können Sie sich vorstellen, mit den neuen Nachbarn von gegenüber was zu unternehmen? „Ich sage es euch ganz ehrlich: Die Marzahner wollen diese Leute überhaupt nicht, wir können damit nichts anfangen.“

Dabei habe ich irgendwie Schuldgefühle. Schuld an DER ARMUT in Deutschland, an DEM HUNGER. Wegen uns! Spaß beiseite: Ich gehe raus, um ein bisschen Luft zu schnappen. Die anderen kommen mir nach. Einer fragt, ob wir in die Unterkunft wollen, mir aber ist die Lust vergangen. Aber wie kann ich jetzt noch Nein sagen? Sie gehen hin. Zu spät! Ich laufe mit schweren Füßen mit. Wir kommen rein, und sofort werden wir aufgehalten. Nicht unerwartet. Das Szenario, was ich in meinem Kopf hatte, findet gerade statt. Wir machen Kunst – und dann werden wir jetzt wohl gleich rausgeschmissen, wie jedes Mal, wenn ich mit Sicherheitsleuten was zu tun hatte. Jedoch wird dieses Mal der Chef gerufen. Er kommt lächelnd auf uns zu. Ich ahne, was jetzt kommt: Nein, können Sie nicht! Filmen Nein. Bitte gehen Sie weg! Kommen Sie nie wieder! Aber: Wir dürfen sagen, was wir wollen, und er hört aufmerksam zu. Dann überlegt er kurz: „Entschuldigung, ich kann euch nicht hineinlassen“, sagt er. „Ab nach Hause, Leute!“, sage ich leise. Aber dann spricht er weiter: „Ihr könnt gern auf dem Spielplatz auf unserem Gelände drehen.“ Wirklich? Wir können rein – oder hab ich mich verhört? Wir gehen rein und spielen mit den Kindern. Unglaublich! Hier herrscht eine ganz andere Stimmung. Hier gibt es keinen, der von Steuern und Geld redet, keinen, der sich darüber Gedanken macht, wie viel von seinem Gehalt abgezogen wird. Hier ist es entspannt, fröhlich, hier spielen die Kinder sorglos laut. Hier ist eine Parallelgesellschaft, aber nicht die, von der man in den Medien hört. Die Einwohner Marzahns wollen diese Leute nicht, sagte der alte Mann, aber ich glaube, Marzahn braucht dringend diese neue Gesellschaft, aber sie wissen es noch nicht! Der alte Mann in Marzahn lebt in einer Parallelgesellschaft. Die macht mir Angst.

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