Editorial | Perspektiven

Foto: Diana Juneck

Multiperspektivische Erkenntnisse

Wie können eine Wand, eine Säule, ein Handfächer und ein Schlauch das Gleiche meinen? Geht nicht? Ein uraltes Gleichnis aus Südasien erzählt von dem Weg, etwas beschreiben zu wollen, was man nicht vollständig kennt. Die eigene Sichtweise auf etwas genügt selten, um zu behaupten, man kenne die ganze Wahrheit. Ohnehin bereichern die Blickwinkel der anderen den eigenen.

Zeichnung: Stefan Hage

Ein weiser Mann bat sieben Nichtsehende, die nicht wussten, was ein Elefant ist, diesen durch Abtasten zu beschreiben. Einer berührte lange ein Bein des Elefanten und erklärte dann voller Überzeugung, ein Elefant sei einem Baumstamm ähnlich. Ein Weiterer verglich anhand des Ohres eine Ähnlichkeit mit einem Handfächer. Der Mann mit dem Rüssel in der Hand meinte, es handle sich um eine Art Schlauch. Den mächtigen Rumpf abtastend, stellte ein Vierter fest, es müsse eine massive Mauer aus Leder sein. Der Nächste tastete die harten Stoßzähne ab und war sich sicher, eine Pflugschar vor sich zu haben. Aufbrausend vor Entrüstung über den offensichtlichen Irrglauben der anderen, beschrieb ein Weiterer, mit der Schwanzspitze seinen Arm streichelnd, es müsse doch eine Bürste oder ein Besen sein. Der Siebte reklamierte die alleinige Wahrheit für sich und meinte, ein Elefant sei ganz sicher ein großer Topf, denn er versuchte den riesigen Kopf zu umfassen. Schnell kam eine argumentreiche Diskussion auf. Bevor sich die sieben aber für immer verstritten, erklärte der Weise, so gegenteilig ihre Meinungen auch seien, sie hätten doch alle recht – jeder ein bisschen und keiner komplett. Er nahm ihnen die Augenbinden ab und zeigte ihnen das ganze Tier.
Diese jahrhundertealte Geschichte kommt mit deutlichen Parallelen im Buddhismus, im Jainismus, im Islam (Sufismus) und in vielen weiteren grundverschiedenen Kulturen vor. Eine der bekanntesten Versionen ist das Gedicht „The Blind Men and the Elephant“ von John Godfrey Saxe (1816–1887). Die Interpretationen zu den verschiedenen Versionen ähneln sich ebenfalls sehr deutlich: Man solle seinen Eindruck vervollständigen, sehen lernen, was andere sehen und den perspektivischen Tunnelblick aufgeben.

In der vorliegenden dritten Ausgabe von kulturTÜR soll es um die ganze Bandbreite der verschiedenen Perspektiven auf die Menschen, Kulturen, die Gesellschaft und Situationen gehen – obwohl wir wissen, dass auch wir trotz aller Anstrengung unmöglich vollständig sein können. Für uns sind ein konstruktiver Austausch und das gegenseitige Zuhören wichtig. Nur so können wir irgendwann den ganzen Elefanten erkennen.

Im Namen der Redaktion

Mortaza Rahimi, Rita Zobel, Adnan Al Mekdad und Stefan Hage

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