Atem und Pulsschlag der Schrift

Grafik: Axel Malik, Eco-Solvent Tinte auf LKW- Plane, 137 x 205 cm, 2017
Grafik: Axel Malik, Eco-Solvent Tinte auf LKW- Plane, 137 x 205 cm, 2017

Als sich der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe 1814 mit großer Intensität den Kulturen des Orients zuwendet, stößt er auf die Gedichte des persischen Dichters Hafis, den Diwan. Er wird Hafis später als seinen Zwillingsbruder bezeichnen. Goethe ist aber nicht nur fasziniert und inspiriert von der poetischen Kraft seiner Dichtung, sondern er beginnt mit großer Neugier sich mit allem zu beschäftigen, was orientalische Kulturen in ihren Denk- und Verhaltensweisen, Geschichten, Traditionen und Mythen ausmachen. Für ihn geht damit eine ganz neue, eine andere und fremde Welt auf. Im Besonderen ist er dabei von den arabischen Schriften fasziniert, von der „Geduld und Sorgfalt“, die sich in den Handschriften ausdrückt. Er stellt fest: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert.“ Obwohl er das Arabische und Persische nicht sprechen, nicht lesen und nicht verstehen kann, versucht er doch in einer Art Experiment, einem Selbstversuch, in das Geheimnis, den Atem und den Geist dieser Struktur zu kommen. In seinen arabischen Schreibübungen beginnt er, Schriftzüge zu kopieren, nachzubilden, sich in sie einzufühlen, indem er sich in die Schreibbewegungen körperlich hineinversetzt.

Der ungewöhnliche, und wie ich empfinde, entscheidende Aspekt von Goethes arabischen Schreibübungen liegt für mich darin, dass er das unverständlich Fremde und befremdlich Neue zu einem Gegenüber, zu einem direkten Du macht, dem er sich nicht nur zuwendet und öffnet, sondern in dessen Schwingung und Rhythmus er sich einfühlt. Auf einer existentiell-strukturellen Ebene wendet er sich einem fremden Kulturraum zu, indem er dessen Schreibweisen handschriftlich nachvollzieht und sie damit in sich aufnimmt, einkreist und hervorlockt. Durch diese intensive Form des strukturellen Dialogs und eines inneren kulturellen Zwiegesprächs wird eine offene und schöpferische Inspiration in ihm geweckt, die in der Poesie seines Werkes „West-östlicher Diwan“, Ausdruck findet.

Arabische Schriften anschauend, ist mir klar, dass es sich dabei um eine Schrift handelt, aber gleichzeitig erscheint es mir unmöglich, lediglich aufgrund des Schriftbildes zu erkennen, welche Grundlagen, ästhetische Regeln und strukturelle Ordnungen diese Schrift besitzt. Arabische Schriften zeichnen sich durch eine hohe ornamentale Kraft aus und scheinen aus einem Füllhorn harmonischer und tänzerisch-beschwingter Bewegungen zu schöpfen. Sie formulieren ein so starkes Schrift-Bild, dass ich mich verwundert frage, welcher Geist, welche Beweg-Gründe, Motive und Haltungen in diese Schönheit der Form eingelagert sind? Ich spüre den Reiz, der darin liegt, hinter dieses Geheimnis zu kommen, das diese Bögen, Punkte und Schwünge aufspannen.

Es leuchtet mir ein, dass Goethe über seine „geistig technischen Bemühungen“ (so nennt er seine Schreibübungen) nicht nur gezielt dem Verlangen nachgeht, die Tür für einen fremden und anderen Kulturraum weit zu öffnen, sondern, dass sein Experiment eine transformative Idee enthält. Es ist der grundlegende Versuch und die grundsätzliche Bereitschaft, sich auf existentieller Ebene zutiefst ansprechen und anregen zu lassen. Sich dem Fremden und Anderen so sehr zu öffnen ist wie ein innerer Perspektiv- und Ortswechsel, der mich das Fremde und Andere in mir selbst entdecken lässt. Dies ist ein schöpferischer Akt und eine kreative Beziehung. Goethes Spagat, arabisch schreiben zu lernen, ohne arabisch sprechen, lesen und verstehen zu können, ist eine, wie ich finde, ungewöhnliche kulturelle Strategie und eine großartige Idee. Ich glaube, dass uns das auch noch heute sehr viel, nicht nur über das Wesen der Schrift, sondern umfassender, über kulturelle Begegnung und Verständigung sagen kann.

Als bildender Künstler beschäftige ich mich in meinen eigenen Projekten mit freien handschriftlichen Zeichen, die unlesbar, aber nicht unleserlich sind. Die Abbildungen zeigen zwei Arbeiten, bei denen ich Goethes arabische Schreibübungen mit weiteren Schreibbewegungen überschrieben habe. Es sind Schrift-Bilder und Zeichen-Texte, die dem Atem und Geist von Schrift auf und in der Spur sind.

Grafik: Axel Malik, Eco-Solvent Tinte auf LKW- Plane, 137 x 205 cm, 2017
Grafik: Axel Malik, Eco-Solvent Tinte auf LKW-
Plane, 137 x 205 cm, 2017
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