Später Neubeginn

Foto: Diana Juneck
Sprachcafés bieten eine gute Gelegenheit, sich in entspannter Atmosphäre auf Deutsch zu unterhalten. Foto: Diana Juneck

Die Integrationskurse berücksichtigen das Alter der Menschen zu wenig

In den vergangenen Jahren mussten unzählige Menschen jeden Alters wegen der unsicheren Situation in ihrem Land die Heimat verlassen. All diese Menschen, vom Kind bis zum Senior, müssen in der Ankunftsgesellschaft am Integrationsprozess teilnehmen und sich mit dem dortigen Alltagsleben auseinandersetzen. Für Kinder und Teenager sind die Bewältigung des Alltags und das Sprachenlernen keine große Hürde. Aber wie sieht es bei älteren Migranten aus? Meiner Beobachtung nach ist die Auswanderung im fortgeschrittenen Alter mit besonderen Herausforderungen verbunden, ja, ich würde sogar sagen, dass das Alter einer der wichtigsten Faktoren ist, die die Integration von Migranten in der neuen Gesellschaft prägen. Meiner Meinung nach wird dieser Tatsache bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Unterschiedliche Lerntempi

In den Integrationskursen lernen Migranten unterschiedlichen Alters gemeinsam Deutsch. Nun ist es so, dass sich die Lernfähigkeit bei älteren und jüngeren Menschen deutlich unterscheidet: Je älter ein Mensch, desto länger dauert sein Lernprozess. Und auch das Lernziel ist oft nicht dasselbe, weil Ältere und Jüngere die Sprache mit unterschiedlichen Zielen lernen. Zum Beispiel unterscheidet sich das angestrebte Sprachniveau von jüngeren Menschen, die studieren wollen, erheblich von dem älterer Menschen, welche lediglich kommunizieren und ihren Alltag bewältigen möchten. Auch gibt es unter den älteren Migranten welche, die bereits eine höhere Bildung besitzen und die schon in ihren Herkunftsländern berufstätig waren, daneben aber auch solche, die wenig bis keine Bildung mitbringen. Letzteres erschwert das Erlernen der fremden Sprache enorm.

Fehlender Kontakt mit Deutschen

Immer wieder erzählen Geflüchtete, dass sie überhaupt keinen Kontakt zu ihren Nachbarn oder anderen Deutschen haben. Sie kennen keinen Ort, an dem sie sich mit der deutschen Sprache und der deutschen Kultur besser vertraut machen könnten. Den meisten ist bewusst, dass der Kontakt zu Deutschen das Erlernen der Sprache und auch den kulturellen Austausch erleichtern würde. Häufig höre ich Klagen, dass es zu wenig Gelegenheiten gebe, bei denen man sich unterhalten und Deutsche besser kennenlernen kann. Und das ist tatsächlich ein großes Manko. Denn: Grammatik und Wortschatz einer Sprache kann man zwar in einem Integrationskurs lernen, aber die Kultur, Sitten, Traditionen und Werte einer Gesellschaft kann man nur im direkten Kontakt zu den Menschen erfahren.

Heimweh und Depression

Menschen, die im höheren Alter auswandern, empfinden häufig eine stärkere Bindung zu ihrer Heimat als die jüngere Generation. Dies macht sie empfänglich für depressive Verstimmungen, manchmal auch für länger anhaltende Depressionen. Sie suchen verstärkt nach Spuren und Zeichen, die sie mit ihrem früheren Leben in Verbindung bringen können. Ein Mittel dazu sind Nachrichten und Ereignisse aus dem Fernsehen und anderen Medien in ihrer Muttersprache. Und so schauen in vielen Migrantenfamilien Väter und Mütter oft die Fernsehsender aus ihrem Heimatland und versuchen auf diese Weise, ihre Depression zu bekämpfen und ihr Heimweh zu lindern.

Auf fremde Hilfe angewiesen

Eine passende Arbeit zu finden ist schon für junge Migranten eine große Herausforderung. Für ältere jedoch ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich. Dieser Umstand erschwert das Ankommen in der deutschen Gesellschaft umso mehr, da der tägliche direkte Kontakt, den das Arbeitsleben mit sich bringt, wegfällt. In vielen Familien brauchen Mütter und Väter einen Dolmetscher, um ihre Alltags­ angelegenheiten zu erledigen, sei es zum Beispiel beim Arztbesuch, beim Einkaufen oder bei Behördengängen. Dieser Zustand besteht oft über viele Jahre unverändert: Ältere Migranten sind häufig für lange Zeit, wenn nicht sogar Jahre, auf fremde Hilfe angewiesen und haben keinen direkten Kontakt zur deutschen Gesellschaft. Und so fühlen sie sich nicht selten einsam, isoliert und hoffnungslos.
Meiner Meinung nach sollten die Integrationskurse für ältere und jüngere Menschen separat angeboten werden. Auf diese Weise könnte besser auf ihr spezifisches Lerntempo eingegangen werden. Die Unterrichtsmethoden sollten auf die unterschiedlichen Bildungsniveaus zugeschnitten und in den Kursen auf die speziellen Bedürfnisse älterer Menschen eingegangen werden. Dies wäre eine wichtige Voraussetzung, damit die Integration älterer Migranten gelingen kann.

Geschrieben von
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