Love Story

Foto: Matthias Pätzold, pixelio.de
Foto: Matthias Pätzold, pixelio.de

„Es ist drei Uhr nachts, und wieder liege ich wach. Es ist zwei Jahre her, und trotzdem lässt mich ein Albtraum nicht los. Immer wieder werde ich genau zu dieser Stunde wach. Und noch immer verstehe ich nicht, warum ich für dieses bittere Schicksal auserwählt wurde.“

So beginnt Najib, mir seine tragische Geschichte zu erzählen. Najib ist 23 Jahre alt und kommt aus Afghanistan.
Die Liebesgeschichte von Najib und seiner Cousine Maryam ist traurig. Sie beginnt mit zwei verliebten jungen Menschen, deren Familien verhindern wollten, dass sie ein gemeinsames Leben führen. Und so brachen Najib und Maryam Richtung Europa auf – ihrer letzten gemeinsamen Reise. „Unter großen Schwierigkeiten erreichten wir vom Iran aus die Türkei. In einer dunklen und kalten Nacht waren Maryam, ich und 38 andere Personen, alle aus Ländern wie dem Irak und Syrien, in einem kleinen Schlauchboot auf dem Weg zur griechischen Insel Lesbos unterwegs“, erinnert sich Najib. „Anfangs war das Meer ruhig, aber nach einiger Zeit wurde es stürmisch. Es war nicht mehr weit bis zur nächsten Hafenstadt Mytilini, als unser Boot plötzlich kenterte. Ich konnte Maryams Hände nicht mehr halten, und so wurden wir getrennt. Dann hat mich das Meer mitgerissen, und als ich im Wasser schwamm, hörte ich noch ein paar Mal Maryams Stimme, die rief:

Najib, Najib, hilf mir!

„Ich bin um das gekenterte Boot herumgeschwommen, aber ich habe Maryam nicht mehr finden können.“ In diesem Moment habe das Mittelmeer ihm seinen liebsten Menschen genommen, die Erde sie verschlungen und in ihre tiefsten Tiefen gerissen.
In der gleichen Nacht wurden Najib und weitere 30 Menschen gerettet und sicher nach Mytilini gebracht. Neun der Insassen des Schlauchbootes jedoch, darunter Maryam, waren ertrunken. Najib blieb zwei Monate auf der Insel und suchte nach ihr. Aber die Suche war aussichtslos. Er fand keine Spur von Maryam, auch nicht ihre Leiche. Najib wusste nicht, was er tun sollte. Zurück konnte er nicht. Und so beschloss er, nach Schweden zu gehen. Nach einem Monat, in dem er viele europäische Länder durchquerte, erreichte er Schweden und stellte einen Asylantrag. Elf Monate lang lebte er in einem Camp in der Stadt Mora in Nordschweden. „Dort wohnte ich mit vielen anderen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen wie eine große Familie zusammen. Ich habe in dieser Zeit viele schwedische Freunde gefunden und hatte gute freundschaftliche Beziehungen geknüpft“, erinnert er sich.

„Ich machte ein Praktikum in einem Geschäft, und alles lief gut. Aber Maryam fehlte mir irrsinnig. Immer wieder erwachte ich mit dem gleichen Albtraum.“

Jede Nacht verfolgten Najib die Bilder, wie Maryam ertrank.

Schließlich konnte er es nicht mehr ertragen, alleine und ohne Maryam in Schweden zu leben. Und so entschied er sich, nach Afghanistan zurückzukehren. Er stellte einen Antrag und kehrte freiwillig in seine Heimat zurück. Aber auch dort konnte er nicht leben. Auf der einen Seite waren die unsichere Lage und der Krieg, auf der anderen Seite seine Einsamkeit. Deshalb ging er in den Iran, wo seine Familie lebt. Da ihn Maryams Familie noch immer verfolgt, muss er sich aber gut versteckt halten. Wenn Maryams Brüder (seine Cousins) herausfänden, dass er zurückgekehrt ist, würden sie ihn sicher töten. Und so hat Najib wieder einen Entschluss gefasst: „In zwei Wochen werde ich den Iran verlassen und in die Türkei gehen, um dort den Rest meines Lebens zu verbringen. Dann werde ich jeden Freitagabend ans Meer gehen und Maryams gedenken. So werde ich mich beruhigen und mir einreden, dass Maryam mir vergibt.“

Geschrieben von
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