Wie meine neue große Familie

Foto: DB Station & Service

Gemeinsames Singen erleichtert das Ankommen

Viele glauben ja, dass Integrationskurse das beste Mittel sind, um sich in einer neuen Gesellschaft zu orientieren. Ich selbst sehe das anders. Für mich ist einer der besten Wege, mitten in die Gesellschaft einzutauchen und ihre Kultur zu erleben. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, in einen Chor einzutreten. Ein Chor ist eine Gruppe von Menschen, die unter Anleitung eines Dirigenten oder einer Dirigentin zusammen singen. Die Mitglieder müssen dabei keine professionellen Sänger sein.

Per Tandem zum Begegnungschor

Etwa sechs Monate nach meiner Ankunft in Berlin bin ich das erste Mal mit einem deutschen Freund zu einer Probe des Begegnungschores gegangen und singe seitdem dort mit. Der Chor besteht aus Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Iran und aus einigen anderen Ländern und Deutschen. Er wurde im Oktober 2015 mit dem Ziel gegründet, in Berlin Neuankommende dabei zu unterstützen, die deutsche Gesellschaft kennenzulernen und die deutsche Sprache schneller zu erlernen. Über das gemeinsame Singen hinaus helfen die deutschen Mitglieder den Geflüchteten bei vielen Dingen, zum Beispiel beim Suchen einer neuen Wohnung oder beim Finden eines geeigneten Sprachkurses. Für mich war dies alles neu und unbekannt: Bevor ich eingetreten bin, hätte ich nie gedacht, dass es ein solches Chorprojekt geben könnte. In meinem Heimatland Iran kannte ich selbst keine Chöre, von ihnen gibt es auch nur wenige.
In den Begegnungschor kann ein Berliner nur im Tandem mit einem Geflüchteten eintreten. Wir proben jeden Mittwoch im Märkischem Museum. Es werden Instrumente gespielt und Lieder gesungen. Wir singen Lieder auf Deutsch, Englisch, Persisch, Arabisch und Kurdisch. Manchmal singen wir bekannte deutsche, arabische oder persische Lieder auch mit übersetzten Texten. Am beliebtesten sind bei den Neu-Berlinern bekannte deutsche Melodien wie die Ode an die Freude, „Die Gedanken sind frei“, „Sag mir, wo die Blumen sind“ oder die deutsche Nationalhymne.

Eine Erfolgsgeschichte – auch für mich persönlich

Der Begegnungschor ist in den letzten beiden Jahren nicht nur vielerorts in Berlin, sondern auch in anderen deutschen Städten aufgetreten, zum Beispiel in Rheinsberg, Stuttgart und Dortmund. Die erfolgreichsten Auftritte waren in der Philharmonie Berlin, im Schloss Bellevue und im Roten Rathaus. Wir alle sind mit großer Motivation und Engagement dabei. Meine persönliche Bilanz nach anderthalb Jahren im Begegnungschor ist sehr positiv. Wie ich dort aufgenommen wurde, war eine neue und sehr wichtige Erfahrung für mich. Der Chor hat mir dabei geholfen, anzukommen und in die Kultur einzutauchen. Inzwischen ist er wie eine große Familie für mich.

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