Liebe auf den ersten Blick!

Foto: Axel Malik
Eine Vormundschaft bedeutet, mehr Verantwortung zu übernehmen und stellt gleichzeitig eine intensive Auseinandersetzung miteinander dar. Foto: Axel Malik

„Liebe auf den ersten Blick“ sei es gewesen, sagt Peter von Stoephasius, und Samin bestätigt es mit einem Lächeln und Kopfnicken, als ich danach frage, wie es dazu gekommen ist, dass er und seine Frau Beatrice im Februar 2016 die Vormundschaft für Samin, einen unbegleiteten afghanischen Flüchtling, übernommen haben.

Aber der Reihe nach, es ist Sonntagnachmittag, und ich bin bei meinen Nachbarn eingeladen. Beatrice von Stoephasius schenkt zu Gebäck und Kuchen duftenden Tee ein, es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Ich erinnere mich, wie sich viele damals, als die ersten Flüchtlingsunterkünfte in Steglitz und Schöneberg entstanden, gefragt haben, wie darauf gesellschaftlich zu reagieren sei.

Ich war ziemlich überrascht, als mir meine Nachbarn davon erzählten, dass sie gerade dabei wären, die Vormundschaft für einen 16-jährigen Jugendlichen zu übernehmen. Es beeindruckte mich nicht nur ihre fürsorgliche Einstellung, sondern ich sah in ihrem Handeln ein Höchstmaß an Mitmenschlichkeit und Verantwortlichkeit. Neben einer gehörigen Portion Offenheit, Einsatzbereitschaft und Zuwendung, die eine Vormundschaft beinhaltet, stellt es doch eine große Herausforderung dar, einen jungen Menschen im Wachsen und Lernen zu begleiten, aber gleichzeitig umsichtig und weitsichtig die Bedürfnisse des „Mündels“, wie es offiziell heißt, zu wahren.

Ich bin neugierig und möchte wissen, worauf es ankommt, dass ein solches Beziehungsexperiment glückt, und wie es dabei gelingt, tragfähige Brücken zwischen verschiedenen Kulturen, Perspektiven und Sichtweisen zu bilden.

Samin habe bei einer ihnen bekannten Familie für einen anderen Geflüchteten ins Afghanische übersetzt. Dabei hat man sich zufällig kennengelernt. Es war beiderseits eine Atmosphäre zu spüren, dass man sich aufeinander einlassen möchte. Schon kurz darauf wurde die Vormundschaft beantragt.

Der Start in Deutschland war hart. Samin berichtet davon, wie er seine ersten fünf Nächte vor dem LaGeSo verbrachte. Auch die Monate danach seien eine schwere Zeit für ihn gewesen. Er habe keine Freunde gehabt und keine Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. „Ich war zu fremd in Deutschland und hatte keine Orientierung.“

Dies habe sich mit der Vormundschaft grundlegend geändert. Regelmäßig kommen die drei in der Woche zusammen, sitzen gemeinsam an schulischen Aufgaben und planen für die Wochenenden ein Freizeitprogramm. Ostern und Weihnachten haben sie nicht nur zusammen gefeiert und Samin die Bedeutungen erklärt, vielmehr hat er am deutschen Familienleben direkt teilnehmen können.

Im Gegenzug haben sie gemeinsam das Opferfest gefeiert und Samin erzählte, was es damit in seinem Glauben auf sich hat. Samin betont, wie wichtig es sei, dass sie immer so ausführlich „über alle Felder des Lebens“ miteinander sprechen. Sogar ein Aufklärungsgespräch hat sein Vormund mit ihm geführt. So etwas sei in Afghanistan nicht üblich.

Nachdem Samin erfolgreich einen Schwimmkurs absolvierte, sind alle drei zu einem gemeinsamen Ostseeurlaub auf die Insel Usedom aufgebrochen. Als sie bei einem Strandspaziergang zufällig in eine FKK-Zone gerieten und überall nur noch nackte Menschen sahen, sei das für Samin ein Schock gewesen. Erst nach einem längeren Gespräch am nächsten Tag habe sich das gelöst.

Über die unterschiedlichen Rollen, die Frauen und Männer in Afghanistan und Deutschland einnehmen, sprechen sie immer wieder. Er bekommt mit, wie die beiden miteinander umgehen. Auch das Thema Homosexualität war zunächst ein heikles Thema, weil man in seiner Heimat Homosexualität völlig ablehnt. Es ergab sich sogar kürzlich die Gelegenheit, einem homosexuellen Mann zu begegnen, mit dem sein Vormund befreundet ist. Während des Gesprächs mit diesem Mann ist ihm klar geworden, dass das ein ganz „normaler“ Mensch ist. Und Samin sagt: „Jetzt freue ich mich für diese Männer, dass sie das gut leben können.“

Sie erzählen mir an diesem Nachmittag noch eine ganze Reihe weiterer Erlebnisse und Erfahrungen, die sie in den letzten zwei Jahren miteinander geteilt haben. Ich spüre, wie die Grundstimmung in ihrer Beziehung sich nicht von einer natürlichen Elternschaft unterscheidet. Durch vorbehaltlose Wertschätzung können Vertrauen, Verständnis und Respekt prächtig gedeihen.

Beatrice von Stoephasius schmunzelt, als ihr Mann von „später Elternfreude“ spricht, und ich verstehe, wie sehr Vormundschaft und Liebe ein ideales Paar bilden. Beim Abschied wünsche ich den dreien von Herzen weiterhin alles Gute.

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