Heimweh

Foto: Hareth Almukdad
Foto: Hareth Almukdad

Ein Mädchen vermisst ihr Sonnenland

Als ich jung war und man von Auswanderung sprach, gingen viele schöne Dinge durch meinen Kopf. Auswanderungen waren immer mit Vorstellungen wie neuen Gefühlen, neuen Erfahrungen, attraktiven Hobbys, neuen Menschen und besseren Gelegenheiten verbunden. Aber als ich erwachsen war und selbst auswandern musste, hatte ich verstanden, dass das Auswandern nicht nur diesen Vorstellungen entsprach, sondern auch eine andere Seite hatte, welche ich dann erst kennenlernte.

Je älter ich wurde, desto größer wurden die Probleme in meinem Land, dem Iran: falsche Politik, unfähige Politiker. Meine Meinungen passten nicht zur aktuellen Politik der Regierung. Meinungsfreiheit gab es nicht. Ich fühlte die Unterdrückung mit Leib und Seele, fühlte mich nie sicher, lebte mit ständiger Angst, hatte Stress mit den kleinsten Dingen des Lebens und durfte nicht einmal selber entscheiden, was ich anziehe. Dadurch war ich sehr verunsichert. All diese Probleme haben am Ende dazu geführt, dass ich aus meinem Land geflüchtet bin.

Es war eine schwere Entscheidung, meine Familie, meine Freunde und alles, was mein Herz begehrte, zurückzulassen und zu einem Ort zu gehen, von dem ich nicht wusste, was mich in der Zukunft erwarten würde. Aber ich habe mich auf den Weg nach Europa gemacht und kam nach Deutschland, auf einen neuen Kontinent, in ein neues Land, mit einer neuen Kultur und einer neuen Sprache, mit Menschen, die ich kaum verstehe. Die ersten Monate meines neuen Lebens verbrachte ich wie in einem Schockzustand. Das war so, als wäre ich plötzlich in einer völlig anderen Welt. Ich war furchtbar aufgewühlt und einsam. Dazu kam noch, dass ich die Sprache nicht beherrschte. Jetzt, wo ich seit ungefähr 21 Monaten in Deutschland bin, habe ich sowohl schöne als auch bittere Erfahrungen gesammelt, habe die Sprache gelernt und neue Freunde gefunden. Nur das Heimweh ist nicht besser geworden. Es ist mein ständiger Begleiter. Ich bin zwar hier, aber mein Herz ist in meiner Heimat bei meiner Familie.

Ich weiß, dass mich kaum einer verstehen kann. Dieses seltsame Gefühl können nur die verstehen, die das schon selbst erlebt haben. Es ist sehr schwer, wenn man gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, um an einen Ort zu gehen, an dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Ungewollt bin ich hier, kann nicht zurück und muss hier bleiben. Ich muss Gründe finden, damit das Bleiben leichter für mich wird und ich diese Schmerzen besser ertragen kann. Ich muss so tun, als ob ich keine Schwierigkeiten habe und muss meiner Familie sagen, dass hier alles in Ordnung ist. Ich muss zu meiner Mutter sagen:

Sei nicht traurig, mach dir keine Sorgen, alles ist super

Aber was mache ich mit meinem Herzen? Was kann ich tun, dass es meinem Herz besser geht? Manchmal muss ich mich überreden und mir sagen, dass doch alles toll ist. Jeder hat doch in seinem Leben Schwierigkeiten, und ich bin nicht die Einzige. Ich muss mich mit den wenigen Freunden zufrieden geben und mit dem Wiedersehen mit meiner Mutter und meiner Schwester durch die Kamera meines Mobiltelefons, durch welches ich auch ihre Küsse erhalte. Wie freut sich da mein Herz!

Ich sage mir immer wieder, ich muss glücklich sein und stark bleiben. Aber wenn ich mir einen Kaffee einschenke, mich auf einen Stuhl setze und durch das Fenster in den winterlichen Himmel schaue, kommen auf einmal alle meine Probleme und alles, was ich erlebt habe, wieder hoch. Dazu kommen die Tage, an denen ich mit Briefen des Sozialamts überschüttet wurde. Die Tage, an denen ich über das Verhalten meines Sachbearbeiters auf dem Sozialamt traurig und verletzt war. Die Tage, an denen ich hier in Deutschland müde und depressiv wurde und ich Angst hatte, von den Umständen überfordert zu werden. Die Tage, welche voller Einsamkeit vergingen und die mit Heulen endeten. Das schlucke ich alles herunter, lächle und sage zu mir, es werden schönere Tage kommen. Es muss regnen, damit danach ein Regenbogen entsteht, und es muss saure Zitronen geben, damit man einen Saft daraus machen kann.

Egal wo ich bin, in welchem Land auch immer, kämpfe ich. Und ich werde mir ein schönes Leben aufbauen und werde mir Frieden schenken, weil ich – einem persischen Sprichwort folgend – ein Mädchen des Sonnenlandes bin.

Geschrieben von
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