Wohnen am Rand

Im November 2017 wurden nach langer Verzögerung zwei Containersiedlungen im Bezirk eröffnet. Die Bewohner kommen aus der Notunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf. Foto: Hareth Almukdad

Die Unterbringung von Geflüchteten im Bezirk ist ein Schlüssel für die Integration

Was die Menschen, die hierher geflüchtet sind, jetzt am meisten brauchen, sind eine Wohnung und Arbeit

Foto: Hareth Almukdad

sagt Marika Puschmann, die stellvertretende Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft am Ostpreußendamm 108. Mit Wohnraum sieht es aber in der ganzen Stadt schlecht aus. In Berlin fehlen etwa 120.000 bezahlbare Wohnungen. Die meisten Bewohner der Unterkunft leben schon seit der Eröffnung im August 2015 dort, wie Frau Puschmann betont. Fluktuation gab es bis zum Sommer 2016 etwa durch Rückführungen in „sichere“ Herkunftsländer, aber auch, weil die Menschen bis dahin noch eine bezahlbare Wohnung finden konnten. Seither zieht von den jetzt 281 Bewohnern kaum noch jemand aus. Die vorübergehende Unterbringung, die für etwa drei Jahre geplant war, wird aller Voraussicht nach zu einer längerfristigen Angelegenheit.

In puncto Schaffen von Wohnraum konnte im Bezirk bisher nicht viel erreicht werden. So wurden im Frühjahr zwar alle Notunterkünfte geschlossen und die Turnhallen „freigezogen“. Die Menschen konnten jedoch nicht im Bezirk untergebracht werden und wurden zum Großteil in neue, sogenannte modulare Unterkünfte für Flüchtlinge (MUF) nach Marzahn umgesiedelt.

Auch im September noch wurden insgesamt 58 Personen aus den Gierso-Unterkünften in der Klingsorstraße und der Goerzallee wegen Streitigkeiten mit dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) kurzfristig in eine MUF nach Buch verlegt, obwohl die Kinder hier in Steglitz-Zehlendorf zur Schule oder in die Kita gehen bzw. gingen und dort gut angekommen waren. Der eigens für sie eingerichtete Bus-Shuttle-Dienst funktionierte nicht zuverlässig, so dass sich einige Eltern gezwungen sahen, ihre Kinder quer durch die ganze Stadt zur Schule zu begleiten. Für sie gab es zwar die Option, nach Steglitz zurückzukehren, wie die Bezirksstadträtin für Jugend und Gesundheit, Carolina Böhm, versichert. Das Angebot bezog sich allerdings auf die im November neu eröffnete Containersiedlung in der Lissabonallee. Für viele der Bewohner kam die Rückkehr in ein Containerdorf aber nicht mehr in Frage. Neben der Lissabonallee wurde im November schließlich auch die temporäre Gemeinschaftsunterkunft in der Finckensteinallee bezogen. Bei diesen Containerdörfern, die jeweils rund 250 Menschen Unterkunft bieten, kam es zu enormen Verzögerungen der Bauzeit.

Beim Tag der offenen Tür am 17. November hatten die Nachbarn der Gemeinschaftsunterkunft Finckensteinallee die Gelegenheit, sich die Anlage anzusehen. Bezirksstadträtin Böhm, die auch für Migration und Integration im Bezirk zuständig ist, erinnerte dabei mit einem Zitat von König Friedrich Wilhelm I. – auch als ‚Soldatenkönig’ bekannt – „an die lange Tradition der preußischen Einwanderungspolitik“. Er hatte im Jahr 1732 an der Dorfkirche Zehlendorf aus Salzburg geflüchtete Protestanten mit dem Ausspruch begrüßt „Mir neue Söhne, Euch ein mildes Vaterland“, wie dort auf einer Bronzetafel an der Friedhofsmauer vermerkt ist. Diese Einladung verband die Bezirksstadträtin geschickt mit der Einwanderungspolitik der Kanzlerin. Während der König auf neue Soldaten setzte, holte auch die Kanzlerin die Menschen nicht uneigennützig ins Land, sondern setzt auf neue Arbeitskräfte, die dringend benötigt werden. Im Sinne dieser Tradition rief Bezirksstadträtin Böhm die Nachbarn auf, den Bewohnern offen zu begegnen.

Ende Januar 2018 soll auch die erste feste MUF im Bezirk eröffnen. Sie wird in der Bäkestraße von der degewo und im Auftrag des Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) gebaut. Monika Hebbinghaus von der Presseabteilung des LAF erläutert, dass dies nach dem Bau der ‚Tempohomes’ nun die zweite Welle der Unterbringungspolitik darstellt. Die Vergabe der Wohnungen wird zentral erfolgen und in erster Linie Menschen berücksichtigen, die noch immer in Notunterkünften leben. Containersiedlungen zählen nicht dazu. Sie bestätigt, dass die Bauzeit der meisten MUFs im Vergleich zu den ‚Tempohomes’ viel kürzer ist, obwohl es sich um feste Wohnblocks handelt. Die fünfgeschossigen Gebäude werden in Schnellbauweise errichtet. Während die Containerdörfer wie am Hohentwielsteig oft in sehr entlegenen Gebieten liegen, kann die Lage am Teltow-Kanal mit unmittelbarer Anbindung an die ortsübliche Bebauung und ihre Nachbarschaft jedenfalls als integrationsfördernder bezeichnet werden. Dies ist auch bei der geplanten MUF in der Leonorenstraße der Fall.

Dass diese Wohnungen nicht nur Geflüchteten zugutekommen sollen, sondern langfristig auch Studierenden oder anderen einkommensschwachen Menschen günstigen Wohnraum bieten, stellt einen weiteren integrativen Ansatz dar. Mit dieser Mischwohnform kann einer sozialen Isolation und möglicher Ghettoisierung entgegengewirkt werden. Die Frage ist nur, warum nicht mehr auf solche Konzepte geachtet wird. Denn die Frage der Integration ist nicht nur eine Frage der Unterbringung von Geflüchteten, sondern eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, und dies betrifft letztendlich die gesamte Gesellschaft. Für Bezirksstadträtin Böhm, die sich im Dezember an einem Integrationskonzept für Berlin beteiligen wird, gilt es diese und noch viel mehr Fragen zu lösen. Für sie ist die Integration dann gelungen, wenn das Wort „Flüchtling“ nicht mehr im Raum steht, sondern sich als Zustandsbeschreibung aufgelöst hat, weil die Menschen über einen gesicherten Status verfügen.

Als „MUF“ wird eine modulare Unterkunft für Flüchtlinge bezeichnet. Die meist fünfgeschossigen Wohnblocks sind in Festbauweise errichtet. Die unterschiedlich großen Wohnungen bieten insgesamt bis zu 250 Menschen Wohnraum. Langfristig sollen nicht nur Geflüchtete, sondern auch andere Menschen mit geringem Einkommen dort wohnen können. Der Senat rechnet mit einer Nutzungsdauer von 60 Jahren. Foto: Rita Zobel
„Tempohomes“ werden die temporär geplanten Containersiedlungen (temporary homes), die als Gemeinschaftsunterkünfte dienen, verschönernd genannt. Mit einer „schnellen“ Lösung hat es aber nichts zu tun, denn die Bauzeit dauert oft länger als bei modularen Unterkünften. Sie sollen für drei Jahre genutzt werden. Foto: Rita Zobel

 

 

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