Zweisprachige Erziehung (2)

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Herausforderungen und Lösungen

Es ist schon ein besonderes Phänomen, wie kleine Kinder von eingewanderten Eltern in der neuen Sprachumgebung zweisprachig aufwachsen. Dabei werden zwei Gruppen unterschieden:
In kulturTÜR #4 wurde im ersten Teil die natürliche, die sogenannte „simultane Zweisprachigkeit“, beschrieben. Gleichzeitig wurden hilfreiche Techniken und Lösungen dargestellt. Der zweite Teil knüpft daran an und stellt die „sukzessive Zweisprachigkeit“, die schrittweise durch Unterricht entsteht, der ersten gegenüber. Im Folgenden geht es zuerst aber um Faktoren, die hemmend auf die natürliche Art der zweisprachigen Erziehung eines Kindes wirken.

Hemmende Faktoren der natürlichen (simultanen) Zweisprachigkeit

Der wichtigste Punkt gleich vorweg: Vermeiden Sie das Mischen von Sprachen! Wenn Vater und Mutter die gleiche Muttersprache sprechen (z.B. Persisch oder Arabisch) und sie in einer bestimmten Situation mit ihrem Kind gleichzeitig manchmal in ihrer Muttersprache, wie zum Beispiel Persisch, und manchmal Deutsch reden, kann das die Sprachentwicklung des Kindes behindern. Das bedeutet, dass die Sprachen möglichst nicht vermischt werden sollen, also nicht zwei Sätze auf „Persisch“, dann einen Satz auf Deutsch und den nächsten wieder auf Persisch.
Noch gravierender ist es, wenn die Eltern selbst die zweite Sprache nicht beherrschen und in dieser nur gebrochen oder fehlerhaft mit ihrem Kind reden. Ein Beispiel wäre, wenn man sein Kind fragt: „Was machen du, meine Schatz?“ statt beispielsweise auf Persisch zu fragen „Azizam cheh kar dari mikoni“?
Auch wenn Vater und Mutter in einer bestimmten Sprache sprechen, aber dazwischen ein paar Worte aus einer anderen Sprache benutzen, wie z.B. in einem persischen Satz ein paar deutsche Worte zu sagen wie:“Pesaram oun Baby ro bebin ounja waysadeh, bebin cheh ghadr Süße“. Was im Deutschen so viel heißt wie: „Siehst du das Baby dort drüben stehen, so ein süßes.“ Diese Art zu sprechen hat viele negative Einflüsse auf die Sprachfähigkeit des Kindes. Leider ist diese Art der Konversation bei Eltern mit Migrationshintergrund sehr üblich.

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Es sollte bedacht werden, dass Kinder, die von Geburt an mit zwei Sprachen konfrontiert sind, eine vergleichsweise verzögerte Sprachentwicklung aufweisen. Diese Verzögerung ist jedoch ganz normal und gibt keinen Grund zur Sorge.
Negative Rückmeldungen von anderen, wie z.B.: „Redet denn dein Kind noch nicht?“ sollten ignoriert werden. Ernsthafte Probleme in der Sprachentwicklung und eine nicht übliche Sprachlernverzögerung entstehen jedoch sehr wohl, wenn man die beschriebenen hemmenden Faktoren außer Acht lässt.
Manche glauben irrtümlicher Weise, dass die Sprachfähigkeit des Kindes behindert wird, wenn es zwei Sprachen gleichzeitig erlernt. Forschungen von Experten verschiedener Universitäten zeigen jedoch, dass das nicht stimmt. Vor allem nicht, wenn Kinder bei der Spracherlernung die richtige Unterstützung erfahren.
Falls ein Kind, das von Geburt an zweisprachig aufwächst, jedoch tatsächlich eine ernsthaft verspätete Sprachentwicklung aufweisen sollte, kann es auch an wiederholten Fehlern in Bezug auf die erwähnten Faktoren liegen.

Die sukzessive Zweisprachigkeit

Von einer sukzessiven oder schrittweisen Zweisprachigkeit ist die Rede, wenn ein Kind, das sich seine Muttersprache bereits angeeignet hat, in seiner zweiten Sprache unterrichtet wird. Im Unterschied zur simultanen Zweisprachigkeit lernt das Kind die Sprache nicht auf natürlichem Weg durch direkte Konfrontation, sondern durch Unterricht.

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Das beste Alter für den Beginn des Unterrichts ist das dritte bzw. vierte Lebensjahr. Die meisten Kinder haben sich bis zum vierten Lebensjahr ihre Muttersprache gut angeeignet und können fast alles verstehen, was sie in ihrer Muttersprache hören. Sie sind nun auch geistig bereit, um eine neue Sprache zu lernen. Studien zeigen, dass sich die Sprachfähigkeiten in der zweiten Sprache bei Kindern in kürzerer Zeit entwickeln, wenn das Kind in der zweiten Sprache von mehreren Lehrern unterrichtet wird oder es mit verschiedenen Menschen Kontakt hat, deren Muttersprache diese zweite Sprache ist.
Kinder sollen die Notwendigkeit, eine zweite Sprache zu lernen, begreifen können. Eine besondere Rolle dabei kann ein Kindergarten spielen, in dem nur die zweite Sprache (hier Deutsch) gesprochen wird. Das gleichzeitige Bedürfnis, Kontakt mit anderen Kindern und den Erziehern herzustellen, hilft bei der Entwicklung der Sprachfähigkeiten zusätzlich.
Wenn das Lernen der zweiten Sprache mit Malen, Tanz, Sport und Spiel gemischt wird, wirkt sich das ebenfalls positiv auf die Qualität des Erlernens der zweiten Sprache aus, weil beide Gehirnhälften des Kindes aktiviert werden. Weitere sinnvolle Ergänzungen des Lernprozesses sind das Spielen mit Freunden, deren Muttersprache Deutsch ist, ebenso Cartoons und Hörspiele in der zweiten Sprache.

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