Weihnachten in Syrien

Auch in Syrien freuten sich die Kinder, wenn der Weihnachtsmann kam. Foto: John van Rosendaal, 2006

Einige Wochen vor dem eigentlichen Fest beginnen in Syrien die Vorbereitungen für Weihnachten. Die Einkaufsmeilen erstrahlen in festlichem Rot, und die Bekleidungsgeschäfte halten eine spezielle Festtagsgarderobe für „Sie“ und „Ihn“ bereit. Ja, sogar die Blumenläden warten zur Weihnachtszeit mit etwas Speziellem auf: dem berühmten Weihnachtsstern. Mit seinen leuchtenden Farben, Rot und Grün, ist er ein Symbol für Frieden und Liebe und wird genau aus diesem Grund gern unter Freunden verschenkt.
Viele Syrer schmücken die Balkone ihrer Häuser und die Innenräume und lassen sie in prächtigen Farben erstrahlen. Sie stellen einen Weihnachtsbaum auf, der mit Lichterketten, kleinen Figuren und bunten oder goldenen Kugeln geschmückt wird. Kleine Geschenke werden an den Baum gehängt, größere unter den Baum gelegt. Auch wenn dieser Brauch traditionell nicht religiös verankert ist, ist er dennoch weit verbreitet.

Ich erinnere mich an vergangene Weihnachtsfeste, an denen meine Familie und ich als Muslime mit christlichen Freunden gemeinsam feierten. Als Dank für die Einladung brachten wir Süßes und Geschenke mit. Die Festtagstafel bog sich unter allen erdenklichen köstlichen Speisen, Süßigkeiten, Obst und Getränken. Ich bekam dann einfach Saft an Stelle von Wein zu trinken. Alle konnten es kaum erwarten, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt: Der alte Mann mit leuchtend rotem Gewand und weißem Bart, der von oben herabkommt, um Jung und Alt Freude zu bereiten. Sie wollten die Rentiere am Himmel sehen, die der Legende nach seinen Schlitten ziehen, prall gefüllt mit allen guten Wünschen.
An fröhlichen Weihnachtsabenden wie diesem versammelten sich alle Syrer, ganz gleich welcher Konfession, um einen Tisch in ausgelassener, familiärer und freundschaftlicher Atmosphäre, um die Geburt Jesu gemeinsam zu feiern.

Foto: John van Rosendaal

Auf den öffentlichen Plätzen von Damaskus und insbesondere im Viertel „Bab Touma“, in dem mehrheitlich Christen wohnen, aber auch andernorts in Syrien war es Sitte, zum Weihnachtsfest für einige Tage geschmückte Bäume aufzustellen und Lichterketten aufzuhängen. Die großen Hotels boten am Weihnachtsabend ein eigenes Programm. Selbst arme Familien, denen das Geld fehlte, ein Weihnachtsfest auszurichten, mussten auf die Weihnachtsfreude nicht verzichten: Gegen einen symbolischen Betrag konnten sie an den von einigen Vereinen ausgerichteten Weihnachtsfeiern teilnehmen. Auch die Kirchen organisierten Veranstaltungen, Tombolas und Spendenaktionen, deren Erlös an bedürftige christliche Familien ging und ihnen ermöglichte, einen fröhlichen Weihnachtsabend zu verbringen.

In den vergangenen Jahren setzte das Regime alles daran, Unfrieden zwischen den verschiedenen Konfessionen zu stiften und sie gegeneinander auszuspielen, um sich selbst auf diese Weise die Macht im Land zu sichern. Jenseits davon war das Leben in Syrien wunderbar – wir alle waren so etwas wie eine große Familie. Und glücklicherweise konnten all die Verbrechen des Regimes, seiner Unterstützer und Geheimdienste die Verbundenheit und Vertrautheit zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen bis heute nicht zerstören.
Viele meiner Landsleute sind wie ich aus ihrer Heimat fortgegangen, und damit gehören die wunderbaren Begegnungen und Augenblicke, die Freude und Glück bereiteten, der Vergangenheit an: Der Krieg hat sie uns genommen. Und so schwingt bei unserer Vorfreude auf Weihnachten und Heiligabend heutzutage Traurigkeit mit. Die Wünsche der syrischen Kinder jedoch, seien sie christlichen, muslimischen oder anderen Glaubens, sind dieselben geblieben: Sie wollen den Weihnachtsmann sehen, seinen Schlitten und die Rentiere. Sie warten darauf, dass er ihre Geschenke aus seinem Jutesack hervorzieht und sie damit zum Lachen bringt – und sie selig strahlend zu ihren Familienmitgliedern sagen können, wie wunderbar dieses christliche Fest ist.

Geschrieben von
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