Eine Welt ohne Papiere

Lara Ziyad baut mit ihrem Kunstwerk ihre eigene neue Welt. In ihrer Installation stellen die geschredderten Papiere die Realität dar. In der Mitte ist ein leerer Raum ohne Papierschnipsel. Da ist Platz für Farben, der auf ihren Traum verweist: eine bunte Welt ohne Papiere und den damit verbundenen Rassismus zu kreieren. Foto: Hareth Almukdad

Das Land, in dem man lebt, kann man ändern, aber nicht seine Identität | Ein Interview mit der Künstlerin Lara Ziyad

Ein Beitrag von Hareth Almukdad und Rita Zobel

Lara Ziyad ist seit einem Jahr in Deutschland. Sie wurde in Riad in Saudi-Arabien geboren und hat in unterschiedlichen Ländern (im Libanon, in Syrien und in Jordanien) gelebt, bevor sie 1996 mit ihren Eltern nach Palästina zurückkehrte, aus dem ihre Eltern 1948 hatten fliehen müssen. In Ramallah arbeitete sie als Künstlerin. Dort hat sie schon mehrfach ihre Werke ausgestellt. In der Galerie Berlin Baku zeigt sie im Rahmen der Ausstellung „Where ART you from?“ ein Kunstwerk, für das sie ihre Dokumente (Ausweise, Reisepässe und Aufenthaltsgenehmigungen) gescannt und die Ausdrucke dann geschreddert hat. Anschließend schuf sie mit den Schnipseln eine Installation.

Auf die Frage hin, wie es zu dieser Idee kam, erzählt sie, dass sie in ihrem Leben schon viele Pässe besaß: Ihren ersten Pass als Kind erhielt sie in Saudi-Arabien als ägyptische Palästinenserin, obwohl sie gar nicht in Ägypten geboren wurde. Später in Syrien bekam sie einen Pass, der sie als syrische Palästinenserin auswies, und in Jordanien wurde sie als jordanische Palästinenserin geführt. In jedem Land, in dem sie wohnte, bekam sie neue Ausweisdokumente, aber eine Staatsbürgerschaft oder Arbeitserlaubnis erhielt sie nicht. In Deutschland hat sie jetzt zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, gilt aber als staatenlos.

In der Ausstellung hängen neben dem Kunstwerk ihre Dokumente auch im Original. Nur die Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland hat sie mittlerweile durch eine Kopie ersetzt.

WAS BEDEUTET HEIMAT FÜR DICH?
Meine Heimat ist für mich nicht automatisch da, wo ich geboren wurde, sondern da, wo ich mich engagieren kann. Für mich ist Heimat ein Thema, an das ich glaube. Zuhause ist für mich da, wo ich mich zugehörig und Menschen verbunden fühle – und ich fühle mich Palästina und den Anliegen meiner Landsleute sehr verbunden.

WELCHES LAND WÜRDEST DU ALS DEINE HEIMAT BEZEICHNEN?
Das Land, in dem man lebt, kann man ändern, aber nicht seine Identität. Obwohl ich weniger als die Hälfte meines Lebens in Palästina gewohnt habe, empfinde ich es als meine Heimat.

WO FÜHLST DU DICH ZU HAUSE? NUR IN PALÄSTINA? ODER AUCH SCHON EIN BISSCHEN IN BERLIN?
Das Leben und Leiden der Palästinenser ist eng mit ihren Ausweisdokumenten verknüpft, denn sie brauchen für 90 % der Länder, in die sie reisen möchten, ein Visum. Meine Eltern sorgten sich immer sehr um Papiere. Ich spreche hier nicht nur für mich selbst, sondern für alle Palästinenser. Viele leben immer noch in Camps, haben kaum Rechte und leiden sehr darunter. Obwohl ich auch einen palästinensischen Pass in Ramallah hatte, durfte ich zwischen 2009 und 2016 nicht ohne Erlaubnis der israelischen Regierung verreisen. Wenn ich für die palästinensische Sache kämpfen und mich mit den Menschen zusammenschließen kann, fühle ich mich zu Hause. Und selbst, wenn ich keine Palästinenserin wäre, würde ich ihre Sache unterstützen.Was Berlin angeht: Das Leben hier ist viel einfacher als in Palästina. Es gefällt mir jedenfalls besser als mein Leben dort.

Foto: Hareth Almukdad

DU HAST EINEN PASS, DER DICH ALS „STAATENLOS“ BEZEICHNET. WIE FÜHLST DU DICH DAMIT?
Ich habe kein Problem mit dem Wort „staatenlos“, weil das die Wahrheit ist. Ich komme aus Palästina, und ich weiß, dass es keine Regierung gibt, keine funktionierende Wirtschaft, keine Sicherheit und kein Militär. Das ist die Realität, der wir uns stellen müssen, damit die Revolution nicht stirbt. Ich habe viele Pässe bekommen, aber sie bedeuten mir nichts. Ich weiß, ich gehöre zu Palästina.

JEDES KUNSTWERK IN DER AUSSTELLUNG VERFOLGT EIN ZIEL. WAS IST DEINES?
Mein Ziel ist eine Welt ohne Papiere. Ich wünsche mir eine Welt, die mich nicht nach meinem Geburtsort oder nach meinen Ausweispapieren einteilt. Und in der ich den Rassismus und die Diskriminierung, die dieses System mit sich bringt, hinter mir lassen kann.

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