Ein Mörder geht um | Filmkritik

Foto: trigon-film.org

Der Film „Khook“ ist eine schrille Polit- und Mediensatire über einen gekränkten iranischen Filmemacher. Unsere kulturTÜR-Redakteurin Yvonne Schmitt hat ihn sich auf der Berlinale angesehen und ein groteskes Schauspiel entdeckt, das den Film zum Kunstwerk erhebt.

Mani Haghighi, Schauspieler und Regisseur, bleibt sich treu und nähert sich wie in seinen früheren Filmen den gesellschaftspolitischen Einschränkungen in Iran „mit Ironie in der Komödie, um die Tragödie besser zu verstehen. Du kannst nur etwas ernst nehmen, wenn Du darüber lachen kannst“, wie er in der Pressekonferenz der Berlinale erzählt.

In den Straßen Teherans entdeckt eine Gruppe junger Schulmädchen, ständig die Köpfe auf ihre Handys gerichtet, den Kopf eines enthaupteten Regisseurs, auf dessen Stirn eingeritzt „Khook“, Schwein, steht. Einer von mehreren rollenden Köpfen, denn es geht ein Serienmörder mit Schweinemaske um, der alle guten Filmemacher auf diese Art beseitigt. Die sozialen Medien überschlagen sich mit Sympathiebekundungen für diese Opfer, denn Märtyrer genießen in Iran aufgrund der iranisch-schiitischen Erinnerungskultur hohes Ansehen und übertragen auf das Miteinander in der Gesellschaft hat die Opferhaltung eine große Bedeutung.

Bemitleidenswert komisch tritt der seit zwei Jahren unter Berufsverbot stehende eitle Filmemacher Hasan Kasmai (Hasan Majuni) auf, der gleichwohl in seinen geliebten Rockband-T-Shirts vor Wut schnaubt, weil er sich als bedeutender Regisseur vom Mörder übergangen fühlt. Ist er nicht gut genug? Hasan, dicklich, beleidigt, hängt wie ein kleines Kind jammernd am Rockzipfel seiner alten, aber sehr mutigen Mutter (Mina Jafarzadeh), die mit Waffen umgehen kann, aber auch ihr großes Baby mit den Worten: “Er wird Dich schon noch jagen, der Beste kommt zum Schluss dran!,“ zu trösten weiß. Mit ihrem staubtrockenen Humor hat sie die Lacher immer auf ihrer Seite.

Foto: trigon-film.org

Statt Filme muss die gekränkte Künstlerseele jetzt einen Werbespot für Pestizide drehen, in dem in einer schrillen Show die Tänzerinnen als rotorange-farbig kostümierte Kakerlaken die Leinwand stürmen und dabei eklig-bunten Glibber ausspucken. Hasan hasst diese Arbeit und drischt frustriert mit seinem Kumpel Humayun (Siamak Ansari) Tennisbälle. Sein Leid gipfelt in unermesslicher Wut, als seine Lieblingsschauspielerin Shiva Mohajer, die er zum Star machte (Leila Hatami), mit seinem Erzrivalen aus der Filmbranche, Sohrab (Ali Mosaffa) selbstbewusst ihre Filmkarriere fortsetzen will und später auch noch geköpft wird. Als dann noch der Regisseur dieses Films, Mani Haghighi, enthauptet wird – ein cleverer Trick, um sich durch seinen eigenen Tod über die anderen lustig machen zu können, wie Haghighi erzählt – manövriert sich Hasan mit seinem Kumpel durch einen teuflisch-tolpatschigen Plan selbst ins Chaos, wird zum Hauptverdächtigen und kommt einem surrealen Tagtraum gleich, durch den ungewöhnlich freundlichen Polizisten Azemat (Ali Bagheri), seiner starken Ehefrau Goli (Leili Rashidi) und seiner coolen Tochter Alma (Ainaz Azarhoosh) wieder frei. Diese sind es auch und besonders seine Mutter, die das Gewehr an den Schweinemaskenmörder anlegt, die ihn aus diesem erbärmlichen Zustand retten, als Hasan dem Killer doch noch gefährlich nahe kommt.

Hasan, endlich das Opfer, liegt mit eingeritzten Buchstaben „Khook“, am Boden und ist erst glücklich, als die Fanhysterie in den sozialen Medien, initiiert durch die ihn umsorgenden Frauen, durch die Decke geht. Alle Eitelkeiten sind bedient.

Foto: trigon-film.org

Mani Haghighi macht sich mit seinen Filmen bewusst frei von den bekannten klassischiranischen Filmen. Er will keinen Bonus wegen auferlegter Zensur, er hasst die Opferrolle und packt den Stier bei den Hörnern: „Ich will nichts erklären, ich will Bilder finden, die nicht für Ideen stehen, sondern eine Geschichte erzählen, einen Mann im Angstzustand seines Milieus…. Ein Film ist ein Kunstwerk, hat eine universelle Sprache, die Barrieren überwindet. Ich brauche die kritische Distanz, dazu gehört die Ironie“, sagt er auf der Berlinale Pressekonferenz. „Unser Land ist vielseitiger, auch unsere Filmlandschaft und wir haben eben auch mutige Frauen.“

Und unaufgeregt findet sich hinter der schwarzen Komödie eben auch die Willkür des Regimes. Auch wenn der Film auf der Berlinale leer ausging: Diese andere Herangehensweise tut erfrischend gut und es bleibt zu hoffen, dass die Mani Haghighi zugesagte Spielerlaubnis in Iran eingehalten wird, denn darauf ist er sehr gespannt.


Khook (Schwein)
Iran, 2018, Farsi – 108 Minuten – Premiere Wettbewerb Berlinale 2018
Regie: Mani Haghighi, Regisseur und Schauspieler

Filme (Auswahl): „Men at work“, (Kargaran mashghool-e karand) 2006, eine Groteske über vier Buddies und „Modest Reception“, (Pazirai-ye sadeh), 2013, Sozialkomödie

Darsteller: Hasan Majuni, Mina Jafarzadeh, Leila Hatami, Siamak Ansari, Ali Mosaffa, Leili Rashidi, Ainaz Azarhoosh, Parinaz Izadyar, Ali Bagheri

Die Autorin: Yvonne Schmitt studierte Islamwissenschaften in Bonn, schrieb Bücher und Artikel zu Iran und Jordanien und arbeitete viele Jahre in der Presseabteilung einer Münchner Akademie. 2010 zog sie berufsbedingt nach Berlin. Der hier vorgestellte Film läuft derzeit in ausgewählten Kinos.

Geschrieben von
Mehr von Yvonne Schmitt

Wie frei war ich eigentlich in Deutschland?

Erinnerungen an die 1950er bis 1990er Jahre Natürlich entscheide ich seit Jahren...
mehr