Selbstbewusst und kämpferisch: Die iranische Lyrikerin Forugh Farochzad

Foto: www.iranian.com/2014/09/18/forough-farrokhzad/

Erst wenige Tage vor ihrem Tod schrieb Forugh Farochzad das Gedicht „Der Vogel ist sterblich”. 1935 als drittes von sieben Kindern in einer privilegierten Offiziersfamilie in Teheran geboren, starb die Lyrikerin 1967 mit nur 32 Jahren bei einem Autounfall.

Forugh Farochzad ist ein Ausnahmetalent der modernen persischen Lyrik und überflügelt in vielerlei Hinsicht ihre männlichen Kollegen. Als Vorreiterin ihrer Generation lässt sie schnell die klassische persische Dichtung, die sich jahrhundertelang als starkes Ausdrucksmittel in strengem Regelwerk herausgebildet hat, hinter sich, experimentiert erstmals mit Rhythmus und Bildern und äußert sich unverblümt als Liebende. Sie thematisiert Identität, Leidenschaft und Sexualität aus weiblicher Sicht und demaskiert das traditionelle Bild der unterwürfigen Frau in einer deutlich von Männern beherrschten Gesellschaft. Kurz: Sie entledigt sich in ihrem Werk aller gesellschaftlichen Konventionen und gibt den Blick frei in ihren unabhängigen, freien Lebensstil; es ist ihr Kampf gegen die von der Männergesellschaft geprägten Traditionen. Sie ist überzeugt, dass ihre Kunst unmittelbar mit ihrem Leben verbunden ist: „Gedichte sind wie Fenster, wenn ich hingehe, öffnen sie sich, und ich sitze und schaue und singe und schreie und weine… Für mich ist Poesie eine Verantwortung und sehr ernst, ich verehre Gedichte wie ein religiöser Mensch die Religion. Das Gedicht ist untrennbar vom Leben, auch vom materiellen”*. Ein doppelter Tabubruch, denn sie verstößt gegen den gesellschaftlichen Moralkodex und schreibt darüber als erste Frau in einem ausdrucksstarken modernen Stil.

Schon mit 13 Jahren schrieb Forugh Farochzad Gedichte, verliebte sich mit 16 in ihren 15 Jahre älteren Cousin und heiratete ihn. Mit 17 gebar sie ihren Sohn Kamyar, veröffentlichte ihr erstes Buch und provozierte mit ihrem modernen Stil und ihren freizügigen Schilderungen die Öffentlichkeit. Zwar förderte ihr Mann sie, doch letztlich führten seine Bevormundung und Erwartungshaltung an eine Ehefrau und Mutter, aber auch ihre enorme künstlerische Entwicklung, die freie Entfaltung brauchte, zur Scheidung. Und dies bedeutete auch die Trennung von ihrem Sohn. Kein Besuchsrecht, ein Nervenzusammenbruch und Selbstmordversuche sind die Konsequenz. All diese empfundenen einengenden Ungerechtigkeiten und Demütigungen besonders Frauen gegenüber, die Trauer und Frustration sowie der Protest gegen gesellschaftliche und religiöse Tabus finden sich in den zahlreichen Liedern, Gedichten und Gedichtbänden wie „Die Sünde”, „Wiedergeburt”, „Gefangen”, „Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit” und vielen anderen.

Als sie 1958 den verheirateten Filmemacher Ebrahim Golsestan kennenund lieben lernt, arbeitet sie sehr produktiv, dreht 1962 den Film „Das Haus ist schwarz” über eine Leprakolonie, der in Oberhausen auf den Kurzfilmtagen preisgekrönt wird. Auf einem längeren Europaaufenthalt erlernt sie mehrere Sprachen und übersetzt westliche Lyrik ins Persische; der italienische Filmemacher Bernardo Bertolucci interviewt sie 1965. 1967 probt sie für die Hauptrolle in „Die Heilige Johanna” von George Bernard Shaw und überträgt den Text in Farsi.

Ihre Gedichte werden bis heute in zahlreiche Sprachen übersetzt. Forugh Farochzad ist ein Idol, eine selbstbewusste junge Frau, die bis zu ihrem viel zu frühen Tod finanziell nie frei und unabhängig war, aber in ihren Texten mutig authentisch blieb und dafür einen hohen Preis zahlte. Diese aufrechte und für die Gesellschaft oft unbequeme Haltung in einer konservativ geprägten Gesellschaft dürfte wohl einer der Gründe dafür sein, dass ein großer Teil ihrer Texte im Iran zwar offiziell verboten sind, aber in der jungen wie älteren Generation auch im Nachbarland Afghanistan nach wie vor rezitiert werden: „Behalte den Flug im Gedächtnis! Der Vogel ist sterblich.”

* Aus: Nach der Euphorie – Eine kritische Frau Forugh Farochzad, Hildesheim 1989

Nachstehende Werke von Forugh Farochzad sind in die deutsche Sprache übertragen:

  • Der Vogel ist sterblich Weitra: Publ. P No 1, Bibliothek der Provinz, [2007]
  • Jene Tage Bremen: Sujet Verlag, 2016, (4. Auflage)
  • Nach der Euphorie Hildesheim (Achtum): Int. Kulturwerk, 1989, (1. Auflage)
  • Irdische Botschaft Niederdorfelden: OrientbuchVertrieb, Edition Zypresse, 1984

Aus: Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, Link: http://d-nb.info/1102547948


Foto: Hareth Almukdad

Der Vogel ist sterblich

Mein Herz ist bedrückt
Mein Herz ist bedrückt

Ich trete auf den Balkon, und meine Finger streichen
Über die gespannte Haut der Nacht
Die Lampen der Beziehungen sind erloschen
Die Lampen der Beziehungen sind erloschen

Niemand wird mich
Der Sonne vorstellen
Niemand wird mich
zu den Gastmählern der Spatzen mitnehmen
Behalte den Flug im Gedächtnis!
Der Vogel ist sterblich.

Aus: „Jene Tage“, ins Deutsche übertragen von Kurt Scharf, Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt, 1993 www.forughfarrokhzad.org

Geschrieben von
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