Wie neu geboren

Foto: privat

Durch einen Unfall fand Khatereh eine neue Bestimmung für ihr Leben

Es gibt kaum jemanden, der nicht schon einmal über die Schöpfung nachgedacht hat. Viele kommen zu dem Schluss, dass die Entstehung der Welt kein Zufall ist, sondern dass jeder von uns für eine besondere Aufgabe hierher gekommen ist. Diese persönliche Bestimmung sehe ich als das Ziel unseres Lebens an.

Ich habe meine Bestimmung bei einem besonderen Erlebnis gefunden: Es war bei einem Opferfest (Ayd-e Ghorban). Die Straßen waren voll. Alle bereiteten sich auf das Fest vor. Meine Familie und ich planten zur Hochzeit meines Cousins zu fahren. Ich freute mich sehr darauf, meine ganze Familie nach langer Zeit wiederzusehen. Das war eines der unvergesslichsten Hochzeitsfeste meines Lebens. Die Musik, das Essen, alles war super. Aber diese Freude dauerte nur wenige Stunden. Ich ahnte nicht, dass dies die Ruhe vor dem Sturm war.

Vom Nachhauseweg habe ich nur wenige Erinnerungen, wie Bilder in einem Albtraum. Von dem Autounfall hörte ich ein lautes Quietschen, und mir wurde schwarz vor Augen. Als ich meine Augen öffnete, hatte ich ein seltsames Gefühl. Ich versuchte vergeblich aufzustehen. Ich lag auf der Intensivstation und fühlte die warme Hand meiner Tante in meiner. Sie rief laut: „Gott sei Dank“.

Durch die Arztgespräche erfuhr ich von meinem 15-tägigen Koma. Ich hatte am ganzen Körper Verletzungen. Ich kann mich an den Unfall und die Tage danach nicht erinnern. Aber die sechs Monate Reha waren schlimm.

Das Mädchen, das ich einmal war, das nicht ruhig auf ihrem Platz sitzen konnte und nur für den Sport lebte, lag jetzt da wie ein Stück lebloses Fleisch. Schlimmer als die körperlichen Schmerzen waren die Ängste vor der Zukunft. Würde ich je wieder laufen oder arbeiten können? Ich versteckte meinen Schmerz und meine Tränen, denn ich wollte meine Familie nicht noch mehr belasten. Ich beschwerte mich aber bei Gott und fragte ihn, warum mir das passiert war? Ich könne so viele Schmerzen nicht mehr ertragen.

Nach monatelanger Physiotherapie konnte ich mit der Hilfe eines Stockes ein paar Schritte gehen. Der Vorsitzende des Versicherungsrats, der mit einer sechsköpfigen Ärztekommission meinen Zustand prüfte, wunderte sich. Er hielt meine Röntgenbilder in der Hand, schaute mich an und fragte: „Kannst du etwa schon laufen? Ich hätte nie erwartet, dass du laufen kannst, meine Liebe“.

Er küsste meine Stirn und sagte: „Ich bin sicher, dass du in dieser Welt noch eine Aufgabe zu erledigen hast. Geh und finde sie.“

Verwirrt und schockiert schaute ich ihn an. Mir war damals nicht bewusst, wie lebensgefährlich meine Situation gewesen war. Als ich das Gebäude verließ, brach ich in Tränen aus. Ich weinte ganz laut, und die Passanten schauten mich fragend an. Mir wurde erst jetzt bewusst, was für einen Gefallen mir Gott tat. Ich dankte ihm und dachte über meine Zukunft nach. Wie konnte ich herausfinden, welche Mission ich haben könnte? Und: was konnte ich allein schon ausrichten?

Seit diesem Tag veränderte sich mein Leben grundlegend. Es war so, als ob ich bisher wie eine Blinde gelebt hätte, und mir vorher Verborgenes wurde sichtbar. Ich sah die dunklen Seiten der Gesellschaft: Eine Mutter mit einem Säugling bat Passanten um Brot; das von Drogen gezeichnete Gesicht eines jungen Mannes; ein Mädchen, das im kalten Winter Blumen verkaufen musste. Ich begriff, wie sehr finanzielle und politische Probleme die Menschen belasteten. Ich wünschte mir eine Zauberin zu sein, die alle Probleme auf ein Mal lösen konnte. Auf der anderen Seite konnte ich Hoffnungszeichen erkennen. Ein kleiner Junge, der in der U-Bahn seinen Sitzplatz einem älteren Herrn überließ; ein junges Mädchen, das alle Blumen eines kleinen Mädchens kaufte und sie ihr schenkte; eine alte Frau in einem Bus, die allen Fahrgästen Süßigkeiten anbot, weil sie Großmutter geworden war.

Sind wir nicht in diese Welt gekommen, um einander Liebe und Freundlichkeit zu schenken? Ich möchte mit Gottes Hilfe dazu beitragen, die Welt in diesem Sinne zu verändern. Für eine bessere Welt muss jeder von uns tätig werden. Ich bin nur ein Tropfen in diesem endlosen See. Aber solange ich lebe, werde ich um Frieden und Einheit aller Menschen kämpfen und mich für zwischenmenschliche Liebe und Gleichberechtigung einsetzen. In meiner Traumwelt herrscht Frieden, und niemand wird erniedrigt. Jeder Mensch, egal welcher Herkunft, soll die Segnungen der Erde genießen können und frei sein, auch frei von Unglück. Die Freude wird in einer solchen Welt wie eine kostbare Perle sein und alle Bedürfnisse der Menschheit erfüllen. So sieht meine Traumwelt aus!

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