Herzlich Willkommen im neuen Heim

Drei Security-Mitarbeiter am Tor der Gemeinschaftsunterkunft Finckensteinallee. Das mit einem Zaun umgebene Gelände wird zum Schutz der Bewohner rund um die Uhr bewacht, ist aber für Besucher tagsüber zugänglich. Foto: Juliane Metz

Ende November 2017 eröffnete in Steglitz-Zehlendorf in der Finckensteinallee eine neue Gemeinschaftsunterkunft in einem Containerdorf für geflüchtete Menschen – das ehrenamtliche Engagement war von Anfang an überwältigend.

Der Andrang war groß am Tag der offenen Tür Mitte November vergangenen Jahres. Mehrere Dutzend Menschen suchten das Gespräch mit mir. Sie alle wollten sich in der neuen Gemeinschaftsunterkunft für die 256 neuen Bewohner engagieren, ihre Zeit spenden. Einen besseren Start konnte ich mir als Ehrenamtskoordinatorin nicht wünschen!

Drei Monate sind seitdem vergangen. Ich sitze am Schreibtisch in meinem kleinen Containerbüro. Laut prasselt der Regen auf das Dach. Der Tee in meiner Tasse vibriert, mein Schreibtisch und der Boden wackeln: Draußen fahren schwere Bagger über das Gelände, um den Spielplatz und den Bolzplatz fertigzubauen. Stille gibt es so gut wie gar nicht an diesem Ort. Aber auch sonst ist mein Arbeitsalltag alles andere als ruhig, meist geht es zu wie im Taubenschlag: Regelmäßig klopft es, kommen Menschen zu mir, die sich vorstellen wollen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Manche fragen mich, wie sie helfen können, andere kommen mit konkreten Projektideen. Am liebsten möchte ich mich mit jedem ausführlich unterhalten. Leider ist das oft nicht möglich. Meine Arbeitszeit ist knapp bemessen: Genau 22,4 Wochenstunden umfasst meine Stelle. Die Stundenanzahl entspricht der Vorgabe des LAF. Danach wird für 500 Bewohner eine Vollzeitstelle, bei kleineren Unterkünften eine entsprechend anteilige Stundenzahl finanziert. Und die Aufgaben in den ersten zweieinhalb Monaten seit der Eröffnung der Unterkunft sind denkbar umfangreich: Neben der formalen Registrierung der Ehrenamtlichen gilt es, Begegnungen mit den Bewohnern zu ermöglichen, regelmäßige Angebote und Aktivitäten in den Gemeinschaftsräumen zu etablieren und die zahlreichen Angebote der Einrichtungen aus der Nachbarschaft zu sichten und den Bewohnern bekannt zu machen.

Viermal pro Woche treffen sich Mütter mit kleinen Kindern und ein alleinerziehender Vater zum gemeinsamen Deutschlernen. Betreut wird der Kurs von ca. 15 ehrenamtlichen deutschen Muttersprachlerinnen und -sprachlern. Foto: Juliane Metz

Was brauchen die Menschen, die hier wohnen, wirklich?

Meiner Meinung nach sollte ehrenamtliches Engagement von dieser Frage ausgehen. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass Freiwillige oft mit einer festen Vorstellung kommen, was geflüchtete Menschen brauchen. Diese lade ich dann zum Umdenken ein: Dass es besser ist, die Menschen zuerst zu fragen, was sie möchten. Für mich steht dabei vor allem die Begegnung von Mensch zu Mensch im Mittelpunkt. Einige Wünsche sind fast allen Bewohnern gemein. Einer davon: eine Wohnung finden – ein echtes „neues Heim“, und eben nicht einen Platz in einem Containerappartement. Der überwiegende Teil der Bewohner in der Gemeinschaftsunterkunft ist bereits seit zwei Jahren in Berlin und lebte bisher in der Notunterkunft im Rathaus Wilmersdorf, ohne jede Chance, richtig „anzukommen“ – denn dafür braucht man eigene vier Wände. Ein weiterer sehnlicher Wunsch: ein Job bzw. ein Ausbildungsplatz. Bei der Suche nach einer Wohnung und einem Job zu unterstützen ist fraglos eine große Herausforderung für ehrenamtlich Engagierte, denn der Wohnungsmarkt ist bekannterweise knapp, und der Zugang zum Arbeitsmarkt mit großen Hürden versehen. Deutsch zu sprechen ist ein weiterer großer Wunsch geflüchteter Menschen.

Munteres Stimmgemurmel erfüllt den Raum beim Sprachcafé in den Gemeinschaftsräumen. Hier können sich immer dienstags Bewohner, Ehrenamtliche und Nachbarn treffen – zum lockeren Gespräch auf Deutsch bei einer Tasse Kaffee. Foto: Florian Börner

Viele besuchen einen Deutschkurs und lernen tapfer die deutsche Grammatik.

Was meist fehlt, ist die Gelegenheit, mit deutschen Muttersprachlern zu sprechen, sich in der neuen Sprache auszuprobieren – das weiß ich aus vielen Gesprächen auch mit meinen Redaktionskollegen bei kulturTÜR. Seit Mitte Februar gibt es dienstagnachmittags ein Sprachcafé in der Gemeinschaftsunterkunft. Es ist offen für Ehrenamtliche genauso wie für Nachbarn aus dem direkten Umfeld. Hier kann man bei einem Kaffee oder Tee miteinander sprechen und sich begegnen. Vielleicht wird aus diesem Sprachcafé zukünftig ein Nachbarschaftscafé – das dazu beiträgt, das Gelände der Gemeinschaftsunterkunft in naher Zukunft zu einem Ort der Begegnung für neue und alte Nachbarn zu machen.

Sprachcafé in der Finckensteinallee

Dienstags 16-18 Uhr (außer feiertags)
Wenn Sie Lust und Zeit haben: Kommen Sie einfach vorbei!

Geschrieben von
Mehr von Juliane Metz

Trägerin aus Überzeugung

Über eine Frau, die sich frei für ihre Religion und das Kopftuch...
mehr