Anderen neue Wege zeigen und dabei eigene neue Wege finden

Foto: Hareth Almkudad

Zakia aus Afghanistan will ihr Berlin den Menschen zeigen und ihre Geschichte mit ihnen teilen

Wir stehen auf einer Dachterrasse. Mit ausgestrecktem Arm zeigt die junge Frau über das unendlich weite Häusermeer. Sie lächelt schüchtern und scheint die Größe der Stadt noch nicht recht erfassen zu können. Dabei hat Zakia – aus Sicherheitsgründen haben wir ihren Namen geändert – etwas Großes vor: Auf besonderen Stadtführungen möchte sie den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ihr Berlin zeigen. Nämlich die Orte, die bei ihrer Ankunft in Berlin so prägend waren und teilweise noch sind, und dabei ihre Geschichte erzählen. Wie hat sie das Ankommen erlebt? Wie lange war die Schlange vor dem LAGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales)? Und in welchen Flüchtlingsunterkünften hat sie übernachtet? Wie und wo ihre erste Wohnung gesucht und auch gefunden? Und sie ist neugierig darauf, was die Menschen ihr erzählen und sie fragen werden.

Eine besondere Institution macht dies möglich: „Querstadtein“ in Neukölln ist ein Modellprojekt des gemeinnützigen Vereins Stadtgeschichte e. V. Bei diesen Stadttouren spielt die Perspektive und die Geschichte der Geflüchteten, aber auch der Obdachlosen im Austausch mit den Teilnehmern die entscheidende Rolle.

Und Zakia hat viel zu berichten: Eine junge Frau von 30 Jahren verlässt im Oktober 2015 allein mit ihrem jüngeren Bruder Kabul. Ein Wagnis, denn allein fliehen meist nur junge Männer. „Selbst mein Vater glaubte nicht, dass ich gehen würde“, erzählt sie ein wenig stolz.

Zunächst waren beide mit Bussen und Bahnen unterwegs, bevor Zakia ihr hart verdientes Geld den Schleusern geben musste, um über die gefährlichen Grenzen in den Iran, in die Türkei, nach Griechenland und schließlich nach Deutschland zu gelangen.
Zakia stammt aus der zentralafghanischen Provinz Maidan Wardak und lebte mit ihren Eltern und fünf Geschwistern schon länger in Kabul. Sie gehört den Hazara an, nach den Paschtunen und Tadschiken die drittgrößte ethnisch-konfessionelle Minderheit schiitischen Glaubens, die bereits seit dem 18. Jahrhundert unter Diskriminierungen leiden mussten und Ende des 19. Jahrhunderts sogar von einem Völkermord bedroht waren. Im Dezember 2014 zog die NATO ab und sofort nahmen die brutalen Verfolgungen der Taliban, aber auch von Al-Qaida und vom Islamischen Staat wieder zu.

Foto: Hareth Almkudad

So zurückhaltend Zakia auch ist, aufgrund ihrer bitteren Erfahrungen weiß sie genau, was sie will und vor allem, was sie nicht will: Keine Diskriminierung und Unterdrückung mehr! Sie ist der traditionell üblichen arrangierten Ehe im Hause ihrer Schwiegereltern entflohen, wurde wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt und lebte quasi als Dienstmädchen, das seinem Schwiegervater zu gehorchen hatte, in einem winzigen Raum eines begüterten Hauses. Der Ehemann ging seinen Geschäften nach,weder interessierte er sich besonders für sie, noch schützte er sie. Zakia wusste genau, ließe sie sich scheiden, stünde ihr das Schicksal einer zweiten arrangierten Ehe bevor. Selbstbewusst und beharrlich wie sie war, konnte sie in Kabul in einer NGO (Nichtregierungsorganisation) als Lehrerin eigenes Geld verdienen, aber sie zog sich – wie so viele Mädchen und junge Frauen – die alltägliche Gefahr der Taliban auf sich, die deren Bildung und Berufsausübung brutal verhindern. Schließlich wurde sie immer häufiger von Schlafstörungen und permanenten Angstzuständen geplagt. „Ich wollte mich nicht brechen lassen. Ich musste eine Entscheidung treffen. Ich bin keine schwache Frau“, will sie sich rechtfertigen, „aber ich konnte keine Unterdrückung mehr ertragen.“ Und plötzlich weicht ihr verlegenes Lächeln dem stolzen Blick einer jungen Frau, die hier den Respekt sucht, der ihr in Afghanistan verwehrt blieb.

Und während wir uns bis dahin in englischer Sprache unterhielten, spricht sie auf einmal recht gutes Deutsch, das sie – aus Angst, Fehler zu machen – sich bislang nicht zu sprechen traute. Zakia hat große Ansprüche an sich selbst, will sich neben dem Erwerb der deutschen Sprache weiter qualifizieren und mit Berlinern und Touristen ihre Erfahrungen teilen.

„Wie erklären denn die Menschen hier die Freiheit?“ fragt sie. „Das Kopftuch ablegen, sexy Kleidung tragen? Ist das Freiheit? Nein“, sagt Zakia kopfschüttelnd. „Ich möchte hier als Mensch respektiert werden, so wie ich bin. In Afghanistan wurde ich als Frau nicht respektiert und hier oftmals nicht als Mensch, weil ich fremd bin und ein Kopftuch trage. Ich möchte hier den Weg finden, als Mensch, egal welchen Glaubens, welcher Kleidung, welcher Herkunft, respektiert zu werden. Ich möchte künftig als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft etwas zurückgeben, weil ich sehr dankbar bin, hier in Freiheit leben zu dürfen und möchte nicht als Flüchtling, sondern als Bürgerin angesehen werden.“

Querstadtein kann auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben eine wichtige Etappe für Zakias weitere Zukunft sein.

„Ja, mein altes Zuhause, meine Familie vermisse ich sehr, aber es gibt keinen Weg zurück“. Und wenn ihr hier oben auf dem Dach der kalte Wind über die Wangen streift, erinnert sie das sehr an ihre alte Heimat, sagt sie lächelnd.

INFORMATIONEN UND BUCHUNGEN:
www.querstadtein.org

TELEFONISCHE INFOS: 030-24 33 94 42

Geschrieben von
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