„Es ist niemals zu spät, eine bessere Welt zu schaffen“

Foto: Hareth Almukdad

Interview mit Zahra Mousawy

Der über drei Jahrzehnte andauernde Krieg in Afghanistan führte dazu, dass heute ca. fünf Millionen Afghanen in der ganzen Welt verstreut leben. Viele von ihnen haben mit Problemen zu kämpfen, nicht selten mit Orientierungslosigkeit und Identitätskrisen. Es gibt aber auch diejenigen, welche sich aktiv darum bemühen, die Schwierigkeiten hinter sich zu lassen. Eine von ihnen ist Zahra Mousawy. Die Soziologin, Zivilaktivistin, Autorin und afghanische Journalistin ermutigt und unterstützt insbesondere ihre afghanischen Geschlechtsgenossinnen dabei, Halt und Identität wiederzufinden. Mortaza Rahimi hat mir ihr gesprochen.

Frau Mousawy, ich weiß, Sie sprechen nicht gerne von sich. Trotzdem muss ich Sie fragen: was sollte man von Ihnen wissen?

Sie haben recht, immer wenn ich gefragt werde, wer ich bin, muss ich erst einmal tief durchatmen. Also gut, ein paar Fakten zu mir: Ich verfüge über einen beweglichen Geist und befürworte generell eine kritische Denkweise. Ich habe Soziologie studiert. Ich glaube an das Recht auf Freiheit und fordere bedingungslose Gleichberechtigung für alle Menschen. Ich strebe immerwährend danach, mich von Zwang und Unterdrückung, besonders aber von der geschlechtlichen Unterdrückung zu befreien. Und arbeite an meiner Vision eines „Befreiungsplans“ für die nächste Generation, der große Anstrengungen erfordern wird. Seit den jüngeren politischen Entwicklungen in Afghanistan und den politischen Einigungen auf der Konferenz in Bonn nach 2002 hatte ich beim afghanischen Rundfunk und im Bereich Kultur und Literatur gearbeitet. Als der politische Druck und die Bedrohung wuchsen, konnte ich meine Arbeit nicht mehr fortsetzen und musste letztendlich im Jahr 2014 mein Land verlassen.

Sie haben von der Geschlechterunterdrückung gesprochen. In welchem Ausmaß waren und sind die afghanischen Frauen von diesem Phänomen betroffen?

Die Diskriminierung der Frau in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens wird von patriarchalischen Gesellschaften stets heruntergespielt und verdrängt. Auch die afghanischen Frauen wurden und werden seit Jahren in fast allen Lebensbereichen systematisch unterdrückt. Damit bilden sie keinen Einzelfall und sind von den gleichen Anfeindungen wie Frauen in anderen patriarchalischen Gesellschaften betroffen. In Afghanistan sind die Bedingungen allerdings potenziert, weil die afghanische Gesellschaft in vielen Bereichen noch immer primitiv und clanartig organisiert ist. Traditionen, Ideologien und Sitten beherrschen durchweg alle Bereiche des Lebens. Die Lage ist katastrophal! Gewalt, Druck und Diskriminierung dominieren das Leben vieler Frauen in Afghanistan.

Mortaza Rahimi im Gespräch mit Zahra Mousawy, der engagierten Soziologin, Zivilaktivistin, Autorin und afghanischen Journalistin. Derzeit
arbeitet sie am Drehbuch für einen Film und an einem Buch.
Foto: Hareth Almukdad

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine Lösung für die Probleme der Frauen in der afghanischen Gesellschaft aussehen?

Ohne den aufrichtigen politischen Willen und ohne eine moderne Verfassung, die der verbreiteten Korruption in den Machtstrukturen ein Ende setzt, sind die Aussichten für die afghanischen Frauen alles andere als gut. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine der Säulen für eine echte Demokratie. Dabei meine ich nicht die „importierte“ Form von Demokratie im heutigen Afghanistan. Das aufgezwungene westliche Paket unter dem Namen „Demokratie“ passt nicht zu den regionalen Gepflogenheiten dort. Vielmehr hat es großen Schaden angerichtet und zu Konkurrenz zwischen extrem radikalen und konservativen Kräften geführt, die sich gegen jede Modernisierung wenden. Dies hat der Stellung der Frauen nur geschadet. Sie sind zwischen Über- und Untertreibung gefangen, und alle selbstverständlichen Mindestrechte wie Bildung etc. werden ihnen weiterhin vorenthalten. Sie haben praktisch keinen Einfluss auf die Gesellschaft außer in symbolischen Rollen. Ein Ende ist nicht absehbar.

Wie viel Afghaninnen sind auch Sie selbst notgedrungen ausgewandert. Was bedeuten Auswanderung, Asyl und Exil für Sie ganz persönlich?

„Exil“ hat für mich eine andere Bedeutung als die buchstäbliche. Für mich findet es in der Seele des Menschen, in seinem Innersten statt, unabhängig von Veränderungen im äußeren Leben. Menschen wie ich befinden sich so gesehen in Afghanistan seit Jahren in einem Zwangsexil. Auf Grund unserer unterschiedlichen Weltsicht, Ideologie und Lebensweise gehören wir zu einer Minderheit, die weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart einen Platz in der afghanischen Gesellschaft oder in der Politik gefunden hat und findet. In Wahrheit beginnt der innere Auswanderungsprozess an dem Tag, an dem man anfängt, anders zu denken und zu leben. Für mich persönlich geschah das vor vielen Jahren in Afghanistan, davor im Iran und jetzt in Deutschland. Für Andersdenkende hat ein Exil keine geografische Verortung. Ab dem Punkt, wo du gegen den Strom schwimmst, bist du ein Exilant.

Wie beurteilen Sie die deutsche Politik gegenüber den Migranten?

Das Schlagwort „Einwanderung“ ist vor allem eine mächtige politische Stellschraube. Alle Parteien, linke und rechte eingeschlossen, ganz gleich ob sie dafür oder dagegen sind, profitieren von dem Thema. Schauen Sie sich beispielsweise einmal die holprigen Wege der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und ganz besonders in den letzten Jahrzehnten an. Der Anteil und Einfluss der deutschen Politik an den Kriegen im mittleren Osten ist nicht zu leugnen. Und Krieg hat neben Gewalt, Tod und Vernichtung eben immer auch noch andere Aspekte… man denke nur an die Waffenindustrie! Der wirtschaftliche Profit durch Waffenlieferungen beträgt viele Milliarden Dollar. Zugleich lässt sich als Folge der Kriege eine Radikalisierung der Menschen beobachten, die sich darin zeigt, dass rechte Parteien und Extremisten wie die AfD in das Parlament einziehen konnten.

Hauptstreitpunkt der deutschen Politik seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 ist die Aufnahme von Migranten in die deutsche Gesellschaft. Was ist Integration? Wo beginnt und wo endet sie?

Nicht nur in Deutschland und Europa, sondern in allen Einwanderungsländern vom Iran und Pakistan bis nach Frankreich und Deutschland, wird die Migration für politische Absichten instrumentalisiert. Denken Sie nur an die Wahlversprechen von Rechten und Extremisten in Frankreich. Was glauben Sie? Würde es Migrantenkolonien am Stadtrand von Städten wie Paris geben, wenn es tatsächlich einen gesteuerten Integrationsprozess gäbe? Momentan lese ich Literatur von deutschen Schriftstellern wie Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Heinrich Böll. Letzterer hat kluge und kritische Texte mit einer Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft geschrieben, besonders über die Pläne der Bundesregierung nach dem Zweiten Weltkrieg hinsichtlich des Integrationsprozesses. Zusammenfassend gesagt, kam schon er zu dem Ergebnis: Solange sich mit Blick auf Einwanderer das gesellschaftliche Schubladendenken von „Insidern“ und „Außenseitern“ nicht ändert, wird die Integration von Neuzuwanderern schwer bis unmöglich bleiben. Hans Magnus Enzensberger und andere Kritiker sind der Meinung: Wenn die Bundesregierung nicht von ihrer das Volk verunsichernden Strategie ablässt, sich paradoxerweise gleichzeitig in Kriege einzumischen und Kriegsflüchtlinge zu unterstützen, kann man ihren politischen Willen nur in Frage stellen. Ich kann dem nur beipflichten. Im parteiabhängigen Medienwirbel der machthabenden Parteien geht es mehr um Strategien und die Gier dieser Parteien nach der Macht, als um die tat- sächlichen Notwendigkeiten und Tatsachen hinsichtlich der humanitären Lage der Migranten. Ein Beispiel wären Deutschkurse, die auch für afghanische Migranten generell kostenfrei sein sollten.

Welche Voraussetzungen müssten Ihrer Meinung nach erfüllt sein, um eine gute und schnelle Integration in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen?

Erstens der aufrichtige Wille des Gastgeberlandes, neue Menschen aufzunehmen. Zweitens ein breiter sozialer Zusammenhalt und gemeinsame Anstrengungen aller sozialen Einrichtungen, sich für die Rechte und Bedürfnisse der neu ankommenden Menschen einzusetzen. Und drittens mehr Wissen über Migration und die Veränderung des Klischeebildes von „den Migranten“ mit Hilfe der Aufklärungsarbeit von Institutionen für Bildung und Kultur.

Was sind Ihre persönlichen Ziele und Pläne für die Zukunft?

Es gibt so viele Dinge und Ideen, die ich noch vervollständigen möchte. Seit ich hier bin, mache ich mir keine Sorgen mehr um mein Leben, und das hilft mir, mich zu konzentrieren. So werde ich bald eine Aufführung auf die Bühne bringen. Ich arbeite auch am Drehbuch für einen Film sowie an einem Buch. Auch für meine Kinder muss ich genug Zeit reservieren. Wegen meiner Arbeit in Afghanistan haben auch sie jahrelang mit Druck, Angst und Bedrohung gelebt. Ich denke nicht an den Tod. Ich werde weiterhin schreiben, denken, Fragen stellen und leben. Um eine bessere Welt zu schaffen, ist es niemals zu spät.

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