Bosra – die Uneinnehmbare

Das bekannte römische Theater in Bosra in einer Aufnahme von 2009. Kürzlich wurde es bei einem Luftangriff teilweise zerstört. Foto: Arian Zwegers

Die Stadt Bosra, deren Name laut den alten semitischen Schriften „Festung“ oder „uneinnehmbare Stadt“ bedeutet, liegt ungefähr 140 Kilometer südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus und nur 25 km von der Grenze zu Jordanien entfernt. Die Stadt befindet sich in einer Tiefebene, die einst eine wichtige Station auf der berühmten Seidenstraße war. Heute leben dort ungefähr 30.000 Menschen, wobei die Bevölkerung wirtschaftlich zum einen von der Landwirtschaft, zum anderen vom Tourismus abhängig ist. So war Bosra bis vor einiger Zeit ein äußerst beliebtes Reiseziel von Touristen, die täglich zu Tausenden aus aller Herren Länder in die Stadt strömten, und Destination von Dutzenden Forschungsdelegationen, die sich ihrer historischen Schätze annahmen.

Historikern zufolge geht die Geschichte der Stadt Bosra bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurück – davon zeugt etwa eine Inschrift ihres Namens im Sockel der Statue von Pharao Amenophis III (1403 v. Chr.). Verschiedene Kulturen und Imperien lösten einander ab und konkurrierten miteinander. So wurde Bosra einige Zeit von den Aramäern regiert, die dort viele Bauten errichteten, von denen noch heute große Teile bestehen. Danach wurde die Stadt von den Nabatäern beherrscht, die Bosra im Jahr 70 zur Hauptstadt ihres Reiches erklärten. Auch die Nabatäer hinterließen ihre Spuren in der Geschichte der Stadt, die nach wie vor von dieser prächtigen Zivilisation zeugt. Im Jahr 106, zur Zeit des römischen Kaisers Trajan, wurde die Stadt dann von den Römern erobert. Unter Römischer Herrschaft entstand auch das bekannte Römische Theater, das erst kürzlich infolge eines Luftangriffs auf die Stadt teilweise zerstört wurde. Das Theater bot rund 15.000 Zuschauern Platz und ließ sich dank seiner hervorragenden Bauart und der Ausgänge an allen Seiten innerhalb von 10 Minuten räumen. Zur Zeit der Ayyubiden-Dynastie wurde es im Auftrag des Sultans Saladin zu einer Zitadelle ausgebaut.

In der antiken Ruinenstadt gibt es ein großes Tor namens „Bab al-Hawa“, von dem heute nur noch Fragmente übrig sind. Und auch in der Altstadt wimmelt es nur so vor antiken Schätzen: Römische, byzantinische und islamische Stätten folgen im Wechsel aufeinander, sodass man hier sowohl antike Kirchen und Klöster wie etwa jenes des Mönches Bahira („Deir ar-Rahib Bahira“) als auch antike Tempel und Moscheen findet. In der Altstadt befand sich außerdem das „Bett der Königstochter“, das im 1. Jahrhundert erbaut wurde und um das sich eine lange Geschichte rankt, die in aller Kürze Folgendes zum Inhalt hat: Der König wurde von einem Wahrsager davor gewarnt, dass seine Tochter an einem Skorpionstich sterben würde. So beschloss der König, für seine Tochter ein 18 Meter hohes Bett errichten zu lassen, wobei ihr Speisen mithilfe eines Seils nach oben gereicht wurden. Trotz dieser Vorkehrung aber erfüllte sich die Weissagung und die Tochter starb am Stich eines Skorpions, der sich zwischen ihren Weintrauben versteckt hatte. Bedauerlicherweise wurde dieses Bett 2014 bei einem Luftangriff des Regimes auf die Stadt zerstört. Zum Glück aber gibt es andere antike Schätze, die bis heute erhalten sind und nicht vom Krieg dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Jeder Meter Altstadt erzählt von der sich über Tausende von Jahren erstreckenden Geschichte der Stadt. Ich hatte das Glück, mehr als 22 Jahre meines Lebens dort verbringen zu dürfen. Zwar habe ich sie seit mehr als sieben Jahren nicht mehr gesehen, trotzdem kenne ich sie noch
immer wie meine Westentasche. Ich wünsche mir, dass sie wie früher ein Anziehungspunkt für Touristen und Forscher bleibt, die in tiefste Geschichte eintauchen möchten. Immerhin ist es schon etwas Außergewöhnliches, auf den Spuren derer zu wandeln, die vor rund 40.000 Jahren auf genau denselben Pfaden schritten, oder in einem antiken Theater zu sitzen, in dem vor fast 1900 Jahren Gladiatorenkämpfe ausgetragen wurden. Die Steine der Stadt erzählen uns die Geschichten jener, die über sie stiegen und die zwischen den Mauern aus ihnen wohnten. Wir können diese Geschichten hören, wenn wir unsere Ohren spitzen.

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