Über den Luxus, die Wahl zu haben

Hareth Almukdad weiß, was es bedeutet, wählen zu können oder zu müssen. Er wählte den Beruf des Journalisten, entschied sich für die syrische Revolution und heiratete die Frau, die er liebte. Mit ihr lebt er in Berlin, getrennt von seiner restlichen Familie. Foto: Juliane Metz
und die Wichtigkeit bewusster Entscheidungen

Was es bedeutet, seine eigene Wahl zu treffen, erfuhr ich erst spät in meinem Leben. Häufig gab es für mich nur den einen Weg, den ich gehen konnte, ohne dass sich mir eine Alternative dazu bot. Und wie jeder andere Mensch auf dieser Welt habe auch ich nicht selbst gewählt, wann und wo auf dieser Erde ich das Licht der Welt erblickte. Genauso wenig habe ich meinen Namen oder meine Eltern selbst ausgesucht. Dennoch kann ich sagen, dass ich mit allem, was das Leben so für mich vorsah, zufrieden bin. Ja, manchmal bin ich sogar stolz auf einiges davon, beispielsweise auf meine Eltern.

Wie „reich“ man ist, wenn man die Wahl hat, wurde mir das erste Mal bewusst, als ich vor Jahren mein Abitur machte. Aufgrund meiner guten Abschlussnoten hätte ich mich an der Universität für so einige Studienzweige, etwa Rechtwissenschaften oder Sprachen, einschreiben können. Schließlich aber entschied ich mich, Medienwissenschaften zu studieren. Denn die Nachrichten zu verfolgen war schon immer eine Leidenschaft von mir. Außerdem, so finde ich, ist dieser Beruf ganz nah am Mensch und es kommt dabei kaum Routine auf, da man stets auf Achse ist. Die Entscheidung damals war also nur eine logische Konsequenz meiner Leidenschaft und Persönlichkeit. Darüber hinaus gibt es nichts Schöneres, als einen Beruf auszuüben, der einem gleichzeitig das liebste Hobby ist. Und hier bin ich nun, einige Jahre nach meinem Universitätsabschluss, und arbeite seit fast vier Jahren als Journalist. Über die Wahl, die ich damals traf, bin ich heute mehr als glücklich.

Meine zweite große, von mir selbst bewusst getroffene Wahl war jene, mich in die Reihen der Aktivisten und Mitwirkenden an der syrischen Revolution zu begeben. Auch wenn diese Entscheidung große Verluste auf psychischer und materieller Ebene, von Freunden und Geschwistern nach sich ziehen sollte und heute großes Heimweh bedeutet, würde ich sie noch einmal auf genau die gleiche Weise treffen, stellte man mich wieder vor die Wahl. Ich habe über meine möglichen Verluste nie groß nachgedacht, sondern bin meiner Intuition gefolgt – als Journalist, der die Wahrheit vermittelt, wie es sein Beruf von ihm verlangt, und als Mensch, der sich für Gerechtigkeit einsetzt.

Meine nächste aus freien Stücken getroffene Entscheidung war der Entschluss, die Frau zu heiraten, die ich liebe und von der ich über vier Jahre getrennt war. Denn der Krieg hat uns in ein jeweils anderes Land getrieben. Visa-Angelegenheiten machten es uns unmöglich, zusammen zu sein. Als ich dann die Chance bekam, bei ihr zu sein, zögerte ich nicht. Heute haben wir eine zweijährige Tochter, deren Lachen mir in meinem Herzen die Gewissheit verschafft, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.

Nach Deutschland zu emigrieren war eine Teils-teils-Entscheidung: Zum einen Teil war ich dazu gezwungen und zum anderen Teil habe ich immer davon geträumt, einmal in Deutschland zu sein. Nachdem es zum Militärputsch kam und die Umstände ob der vielen Einschränkungen, die man uns Syrern auferlegte, immer komplizierter wurden und ein normales Leben in Ägypten für uns unmöglich zu sein schien, war ich gezwungen, meine Arbeit dort aufzugeben und nach Europa aufzubrechen – wobei eben auch mein alter Traum, einmal nach Deutschland zu reisen, wieder erwachte. Deutschland hat einen guten Ruf, insbesondere war es zumindest im Nahen Osten nie eine Besatzungsmacht. Hinzu kommen die Freiheiten, die man hier genießt, und die wirtschaftliche Stärke des Landes. Der Weg bis nach Deutschland war lang und von allen Seiten von Gefahren gesäumt, und so manches Mal während meiner Flucht fragte ich mich: „Ist es diese großen Gefahren tatsächlich wert?!“ Damals konnte ich darauf keine Antwort geben. Heute aber weiß ich – ja, es war sie wert! Nach zweieinhalb Jahren in Berlin kann ich nun sagen, dass ich hier die Möglichkeit erhielt, eine neue Sprache und Kultur kennenzulernen und wieder dem Beruf nachzugehen, den ich so sehr liebe. Es war, als wäre ich noch einmal geboren. Wenn es etwas in meinem Leben gibt, was ich bereue, dann sind es jene Momente, die ich nicht mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht habe, obwohl ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Denn heute bin ich hier und träume von dem Augenblick, sie wiederzusehen. Das aber ist unmöglich, zumindest derzeit.

Folgt eurem Herzen und entscheidet euch bewusst dafür, so viel Zeit wie nur möglich mit euren Liebsten zu verbringen. Vermeidet, einander fern zu sein, denn das Leben ist nur ein Wimpernschlag!

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