Worte finden für das, was wirklich los ist

Shahzamir Hataki, 17, schreibt seit zwei Jahren Gedichte bei „The Poetry Project“. Sich auszutauschen und gehört zu werden macht ihn glücklich. Foto: Rita Zobel
Interview mit einem afghanischen Jugendlichen, der im „The Poetry Project” Gedichte schreibt

Shahzamir Hataki, 17, ist, wie es im behördlichen Fachjargon heißt, ein „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ (umF), der 2015 allein aus Afghanistan floh. Seit zwei Jahren macht er bei der Gedicht-Werkstatt „The Poetry Project“ mit. Der kulturTÜR hat er erzählt, warum er dabei ist und wie dies sein Leben verändert hat.

WIE BIST DU ZUM „THE POETRY PROJECT“ GEKOMMEN?

Aarash Spanta und Susanne Koelbl1 kamen in unsere Unterkunft für minderjährige Geflüchtete in der Frankfurter Allee. Sie haben von dem Projekt erzählt und gefragt, ob wir Lust haben, mitzumachen. Ich konnte noch kein Deutsch und habe nicht richtig verstanden, was sie von uns wollten. Deshalb hatte ich zuerst überhaupt kein Vertrauen. Als Arash Spanta dann noch einmal in meiner Muttersprache Dari erklärte, dass es um Gedichte schreiben geht, habe ich dann Lust bekommen, denn Schreiben ist mein Hobby!

[Anm. der Red.: 1 Aarash D. Spanta arbeitet als Rechtsanwalt und Übersetzer, Susanne Koelbl, die Initiatorin des Projektes, ist als Auslandskorrespondentin beim Spiegel tätig.]

 

WAS BEDEUTET ES FÜR DICH, GEDICHTE ZU SCHREIBEN?

Ich kann über Gefühle schreiben, über die man nicht redet. Normalerweise, wenn jemand fragt, wie es mir geht, sage ich: „Danke, gut“. Aber wenn ich schreibe, dann finde ich Worte dafür, was wirklich los ist und kann mich ganz anders ausdrücken. Schreiben fällt mir zum Glück sehr leicht. Und wenn ich etwas schreibe, fühle ich mich hinterher oft leichter. Ich schreibe auch Geschichten und Reportagen, aber Gedichte mag ich besonders gern. Sie sind meist sehr kurz, aber dahinter steckt sehr viel. Sie transportieren eine Menge Inhalt. Und das gefällt mir. Durch mein Mitmachen kann ich zeigen, dass wir keine Zahlen in den Statistiken sind, sondern Menschen mit Gefühlen.

WIE BIST DU ZUM GEDICHTE SCHREIBEN GEKOMMEN?

Ich komme aus einer Dichterfamilie und schreibe Gedichte, seit ich elf Jahre alt bin. Mein Vater hat mich dazu motiviert und mir das beigebracht. Und auch in der Schule habe ich Poetik-Unterricht gehabt. Das hat mich sehr angesprochen.

WIE MÜSSEN WIR UNS DAS VORSTELLEN, WENN IHR EUCH IM PROJEKT TREFFT UND GEDICHTE SCHREIBT?

Normalerweise schreiben wir ein Gedicht in 20 bis 30 Minuten. Dann tragen wir uns die Gedichte gegenseitig vor. Anschließend geht es ans Übersetzen ins Deutsche. Manchmal diskutieren wir sehr lange, bis wir ein einzelnes passendes Wort finden. Das kann auch schon mal eine Stunde dauern! Aber am Ende bin ich mit den Übersetzungen dann immer sehr zufrieden.

WIE IST DAS FÜR DICH, ANDEREN DEINE GEDICHTE VORZUTRAGEN?

Am Anfang war es sehr schwierig für mich, vor einem Publikum vorzulesen, weil die anderen von meinen Gefühlen nichts wissen sollten. Aber es trägt dazu bei, dass wir besser verstanden werden, und das macht mich auch glücklich.

WORAN ERKENNST DU, DASS DEINE GEDICHTE AUCH IM DEUTSCHEN VERSTANDEN WERDEN?

Auch bei einer Lesung vor meist deutschem Publikum tragen wir die Gedichte immer erst auf Dari vor. Da passiert nicht viel. Danach werden die Gedichte von Schauspielern auf Deutsch vorgelesen. Dabei verändert sich die Stimmung im Raum deutlich. Man spürt, dass die Menschen dabei sind und uns verstehen. Dann bekommen wir viel Applaus …

WAS SIND EURE NÄCHSTEN THEMEN?

Ja. Gerade letzte Woche war ich bei einem Workshop. Da haben wir uns damit beschäftigt, was wir dem Vater des jungen Afghanen schreiben können, der abgeschoben wurde und sich dann drei Tage später in Kabul umgebracht hat. Er kam aus Masar-e-Sharif, der Stadt, in der auch ich geboren wurde. Wir schreiben seinem Vater, um ihm von unserer Situation hier zu berichten, und dass es für uns nicht einfach ist, die Erwartungen zu erfüllen.

WAS MOTIVIERT DICH, WEITER DABEI ZU BLEIBEN?

Alles. Alles. Das Glück, sich auszutauschen, gehört zu werden, in meinem Leben voranzukommen. Vor allem die gute Zusammenarbeit. Und dass wir ein gemeinsames Ziel haben.


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Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren schreiben Gedichte zu Themen unseres Zusammenlebens, über Fremd sein / Deutsch sein (auf Dari/ Farsi, Arabisch oder Deutsch)

Kontakt:

The Poetry Project e.V.
www.thepoetryproject.de
Tel: 030-44717924
Whatsapp: 0176-6442951
E-Mail: zentrale@ThePoetryProject.de


Über Sicherheit und kleine Freiheiten in Deutschland

Junge Frauen dürfen einen Freund haben hier.
Sie können zusammen ausgehen und Dinge unternehmen.
Afghanische Mädchen dürfen das nicht, außer sie sind alt genug. Dann sucht man einen Ehemann, und es gibt eine Hochzeit. Bis zur Hochzeitsnacht sehen sie den Ehemann nicht.

Zwei Autos in Berlin hatten einen Unfall.
Nicht mal Minuten vergingen, und die Polizei war da, mit Blaulicht. In Afghanistan hätten sich die Fahrer geprügelt,
und Stunden später wäre die Polizei erschienen.
Dabei war nichts passiert, nur ein Kratzer.

Die Menschen hier gehen abends durch die Straßen, nicht in Afghanistan.
Wenn ein junger Afghane aus dem Haus tritt,
weiß er nicht, ob er wieder zurückkehren wird.
Er verabschiedet sich für immer.
Wenn ein junger Afghane aus dem Haus geht, hat er vermutlich Geld, und kann entführt werden.
Wenn er etwas hübscher ist, werden sie andere Dinge mit ihm anstellen oder ihn mit einer Bombe in die Luft jagen.

So ist es nicht in Europa.

Shahzamir Hataki

Geschrieben von
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