Die Qual der Wahl

Grafik: Emad Almukdad

Immer wieder stehen wir vor Entscheidungen. Manche fallen uns leicht, mit anderen quälen wir uns herum. Wobei ja das Menschsein an sich schon eine Qual sein kann – gerade in Zeiten wie diesen, in denen für Menschlichkeit kaum noch Platz zu sein scheint und die Welt zunehmend verroht, so als lebten wir in der Wildnis, in der alles erlaubt ist.

Sich auf die Seite des Rechts zu schlagen, sollte eigentlich keiner langen Überlegung bedürfen. Denn Unrecht lässt sich nicht schönreden. Man darf ihm nicht zu viel Zeit und Gedanken widmen, ihm keine mildernden Umstände zugestehen. Und man sollte in bestimmten Dingen, die elementare humanitäre Prinzipien betreffen, keine Kompromisse eingehen. Jedwede politische Entscheidung, die dazu dient, die Versklavung von Menschen zu legitimieren, ist kategorisch abzulehnen. Man muss sich dem Unrecht entgegenstellen und Nein sagen – wie immer die Konsequenzen sein mögen.

Jeder Mensch trägt Ziele in sich. Beim Verwirklichen unserer Zukunftsträume haben wir mitunter zahlreiche Hürden zu überwinden. Das beginnt schon bei den Entscheidungen, die wir nach dem Abitur zu treffen haben, wenn es darum geht, ein Studienfach zu wählen, das uns zusagt. Eine der ersten Hürden ist unsere Abiturnote und der jeweils erforderliche Mindestdurchschnitt, um einen Studienplatz an einer Uni zu ergattern. Daran zerschellen oft schon alle Ambitionen, unser Wunschfach zu studieren. So bleibt uns nichts anderes übrig als mit dem Fach vorliebzunehmen, das in unserer Prioritätenliste an zweiter Stelle stand.

Wir sollten nicht zu große Illusionen hegen: Irgendwer wird uns immer Steine in den Weg legen, von widrigen Umständen ganz abgesehen. Da heißt es realistisch bleiben und sich gleichzeitig nicht mit weniger zufriedenzugeben als dem, was machbar ist. Das ist die Grundvoraussetzung für die Planung unserer Karriere und unseres Lebensweges.

Was das Finden einer Partnerin oder eines Partners und die Familiengründung anbelangt, so ist dies womöglich eine der schwierigsten Entscheidungen in unserem Leben. Manchmal aber geht es auch ganz leicht vonstatten. Dann genügt ein einziger Blick, um die Basis für eine dauerhafte Beziehung zu legen. So ein Blick kann der Funke sein, der die Liebe entzündet, die Fackel, die das Leben erleuchtet, und zum Pfad werden, den man zukünftig gemeinsam beschreitet. Von der Mentalität beider, dem Umgang miteinander und dem gegenseitigen Respekt hängt es ab, ob jene Basis stabil zu sein verspricht oder nicht. Nicht selten sind Liebesbeziehungen allein von der Stimme des Herzens bestimmt und erweisen sich dann als Fehlentscheidung. Manchmal kann aber auch das genaue Gegenteil der Fall sein… Man sollte jedenfalls nicht gleich aufgeben, sondern aus seinen Fehlern lernen und sie vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen korrigieren.

Eine regelrechte Tortur ist es, wenn man zwar theoretisch das Recht besitzt, sich zu entscheiden, es aber de facto nicht in Anspruch nehmen kann. Wenn man vonseiten der Obrigkeit unter Druck gesetzt und wie ein rechtloser Sklave behandelt wird, wie ein Mensch, der von anderen gelenkt wird, statt Herr seines Willens zu sein. Man wird gezwungen zu wählen, was einem diktiert wird, statt unabhängig und frei zu entscheiden. Das kann so weit gehen, dass man in irgendwelche Berufsverbände oder in die Partei eintreten muss, um einen Job zu ergattern. Oder um einfach nur sein Leben ohne ständige Angst vor Übergriffen führen zu können.

Grafik: Robert Jordan

Nicht immer hat man mit der Wahl auch die Qual. Wenn man aber das Pech hat, in einem Land geboren zu werden und aufzuwachsen, in dem sich alles nur darum dreht, ihn zu verehren, ihm Tag und Nacht zuzujubeln, den Namen des Landes und seinen Namen stets im selben Atemzug auszusprechen… Suriya al-Assad… „Assads Syrien“. In seiner Hand und der seiner Repressionsorgane werden sich dein Leben, deine Gegenwart und deine Zukunft fortan befinden. Denn Despotie, Korruption, Unterdrückung, Mord und körperliche Misshandlung werden dich deiner Würde und deiner elementarsten Rechte als Mensch berauben.

Das ist die eigentliche Qual der Wahl: Entweder du wirst zu einem unterwürfigen, willfährigen Sklaven, oder du sagst „Nein“ und wirst obdachlos, musst fliehen, landest im Gefängnis, wirst ermordet, oder du irrst umher auf der Suche nach einer Heimat, die deine Würde schützt und dir das Grundrecht auf ein Leben in Sicherheit gewährt, welches dir deine ursprüngliche Heimat verwehrt hat.

Allein deshalb, weil du beschlossen hast, dem Unrecht und der Tyrannei die Stirn zu bieten. Weil du dich für das Wort „Nein“ entschieden hast… Nein zur Versklavung der Völker! Nein zur Ermordung Unschuldiger! Nein zur Korruption!

Denn du bist Teil der Menschheit – und die lässt sich nicht auseinanderdividieren.

Geschrieben von
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