Pssst …. Mädchen schreien nicht

Foto: Juliane Metz

Über das Abschütteln von Glaubenssätzen

Maryam war dazu verurteilt, als Mädchen in eine patriarchalische Gesellschaft geboren worden zu sein. Man rief sie „Zafia“, was so viel wie „Schwarzkopf“ oder auch „die Schwache“ bedeutet. Als Geschöpf ohne Willensfreiheit unterlag sie festgelegten gesellschaftlichen Wertvorstellungen. „Pssst … Mädchen schreien nicht; Mädchen lachen nicht laut; sie senken beim Gehen den Kopf; teilen kein Foto im Internet; parfümieren sich nur, um in der Familie gut zu riechen; sind sanftmütig; tragen lange, breite und dunkle Kleider; das Kopftuch ist ein Teil deines Körpers, stets bei dir… und pass beim Reden auf, dass du nicht aufreizend klingst, damit kein Mann deine Stimme genießen und außer Kontrolle geraten kann.“

Als junges Mädchen musste Maryam wie alle anderen Frauen diesen Vorschriften gehorchen, ohne Wenn und Aber, gegen den ureigenen Willen, aus Angst vor dem Ausschluss aus der Familie oder der Gesellschaft, ja sogar mit der Angst vor dem Gefängnis. Oft hatte sie gehört, dass sie vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein müsse. Aber warum? Würden die Männer in der Nacht zu blutdurstigen Wölfen? Wären die Frauen nur Sexobjekte und Männer ganz ohne Selbstbeherrschung und außer Kontrolle? Genau das lehrt die patriarchalische Gesellschaft, und für manche beschränkte Menschen wurde es zur Glaubenswahrheit und unumstößlichen Gewissheit. Maryam hätte sich gewünscht, ihre Kleidung und ihren Lebensweg selbst wählen zu können und nicht alles blindlings akzeptieren zu müssen. Es blieb ihr verwehrt.

Heute, nach vielen Lebensjahren in Europa, ist sie nicht mehr das Mädchen, das sie war. Sie ist jetzt eine Frau mittleren Alters, die immer noch um ihre Jugend trauert. Die Schwierigkeiten des Lebens in ihrer Heimat haben sie gefühlskalt werden lassen. Die widrigen Lebensbedingungen zwangen Maryam mit gerade mal 25 Jahren in ein fernes Land auszuwandern.

Sie wollte dorthin, wo eine Frau als Mensch und nicht als Objekt betrachtet wird. Wo die Frau ein freier Mensch ist. Sie sagt: „Hier wirft kein Mann einen Blick auf die Taille von Mädchen, auf ihre offenen Haare oder auf andere weibliche Körperteile.“

Wie sehr hätte sie sich gewünscht, man hätte ihr gesagt, dass sie als Person und ihr Charakter wichtig sind und nicht, wie sie sich anzieht. Denn: anständig oder unanständig sein ist in der Persönlichkeit und nicht in den Kleidungsstücken verankert.

„An Stelle konservativer Regeln hätte man uns in der Schule besser beibringen sollen, dass Gott uns mit freiem Willen und als freie Menschen erschaffen hat. Dass es Menschen frei steht, welchen Weg sie gehen, und dass man einander Respekt entgegenbringen soll.“

Wie gerne hätte ich gehört: Sei der Held deines eigenen Lebens, meine Tochter. Such das Glück nicht bei anderen. Mach das, von dem du überzeugt bist, und wenn du an etwas nicht glaubst, forsche nach und akzeptiere es mit offenen Augen und guten Gewissens.

Sie ist überzeugt, dass kein Glauben schlecht ist, wenn er nicht anderen schadet oder diese zwingt, das gleiche zu denken und zu tun. So viele Frauen in ihrer Heimat füllen ihre Leere damit, stundenlang vor dem Spiegel zu stehen, sich zu schminken oder versuchen durch Schönheitsoperationen von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. „Ich verstehe sie gut. Sie haben schließlich nie gelernt, sich selbst so zu lieben wie sie sind, und ihre Rechte zu verteidigen.“

Die Frau pflanzt Liebe und erntet Hass
Ihr Blutpreis ist die Hälfte von deinem
Aber die Strafe für ihre Hurerei ist die gleiche wie deine
Sie kann nur einen Ehepartner haben
Und du darfst bis zu vier Frauen haben
Um zu heiraten muss sie in jedem Alter eine Erlaubnis haben
Aber du kannst dank Gesetz heiraten, wann immer du willst
Sie ist in einem Gefängnis namens Jungfräulichkeit
und Du….
Sie wird geschlagen, du aber wirst nicht gerichtet
Sie gebärt und du suchst den Namen für ihr Kind aus
Sie erträgt Schmerzen und du bist besorgt, dass das Kind ein Mädchen sein könnte
Sie ist schlaflos und du träumst von schönen Frauen im Paradies
Sie wird Mutter und überall fragt man nach dem Namen des Vaters
Jeden Tag wird sie neu geboren, verliebt sich, wird Mutter, wird alt und stirbt
Und seit Jahrhunderten pflanzt sie Liebe und erntet Hass

Gedicht von von Dr. Ali Schariati

Ali Schariati gehörte zu den Wegbereitern der islamischen Revolution im Iran.

Geschrieben von
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