Trägerin aus Überzeugung

Jasmin trägt ihr Koptuch erst, seit sie zum zweiten Mal Mutter wurde - freiwillig und aus voller Überzeugung. Im Islam dürfe man generell niemanden zu etwas zwingen. Foto: Juliane Metz

Über eine Frau, die sich frei für ihre Religion und das Kopftuch entschieden hat

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – bei mir regen sich bei dem Stichwort „Kopftuch“ widerstreitende Gefühle. Einerseits steht es aus meiner Sicht jeder Frau frei, so zu leben und sich so zu kleiden, wie sie möchte. Andererseits konnte ich mir bisher nie wirklich vorstellen, dass eine Frau das Kopftuch aus freien Stücken wählt. Dieser Gedanke erschien mir ziemlich befremdlich, bin ich selbst doch im freizügigen Berlin aufgewachsen, wo gerade jetzt im Sommer Frauen sehr leicht bekleidet herumlaufen können, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nimmt. Zugleich macht es mich immer auch neugierig, wenn etwas mit meinem eigenen kulturellen Verständnis nicht kompatibel ist.

Kürzlich begegnete ich Jasmin (Name von der Redaktion geändert), einer selbstbewussten Mitvierzigerin. Jasmin wurde in Berlin geboren, wuchs aber bei ihrer Großmutter in einem arabischsprachigen Land auf, bevor sie nach dem Abitur wieder nach Berlin kam, um hier eine Ausbildung zu machen, mehrere Jahre ein eigenes Geschäft zu führen und eine Familie zu gründen. Erstaunt hörte ich, dass sie ihr Kopftuch erst trägt, seit sie mit 26 ihr zweites Kind bekam. „Ich bin überhaupt nicht streng erzogen worden. Meine Oma war eine sehr großzügige Frau, sie hat mich zu nichts gezwungen, nicht zum Beten und auch nicht zum Kopftuchtragen.“ Als Jasmin nach Deutschland kam, riet ihr Vater ihr sogar vom Kopftuch ab, weil er befürchtete, sie könnte dadurch Nachteile haben. Jasmin perfektionierte ihr Deutsch, erlernte einen Beruf, übernahm schließlich einen Kosmetiksalon und führte ihn viele Jahre lang erfolgreich neben Ehe und Kindern – bis ihr zweites Kind fünf Monate alt war. Damals verkaufte sie das Studio, um für die Kinder da zu sein. Seitdem trägt sie ein Kopftuch. Vor einigen Jahren schulte sie um zur Kauffrau für Büromanagement und arbeitet inzwischen Vollzeit im Bereich Buchhaltung und Personal – als Mutter von vier Kindern im Teenageralter.

Bei der Jobsuche bewarb sie sich stets ohne Foto.

Ich wollte einfach vorbeugen, aufgrund meines Kopftuches Absagen zu bekommen!

Das hat gut funktioniert: Sie bekam mehrere Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, die immer angenehm gewesen seien. Einmal wurde sie am Ende eines Gesprächs für eine Stelle als Empfangsmitarbeiterin direkt gefragt, ob sie bereit sei, das Kopftuch abzulegen. „Ich habe Nein gesagt, und man hat sich am Ende mehrmals für die Frage entschuldigt und dafür, dass sie mich leider nicht nehmen könnten, weil ihre Kunden empfindlich darauf reagieren würden. Ich fand es sehr gut, dass sie den Grund für die Absage so ehrlich gesagt haben!“ Ein anderes Gespräch endete dann schließlich direkt mit einer festen Jobzusage.

Das Kopftuch weckt nach Jasmins Erfahrung oft Vorurteile. Eine große Rolle bei deren Entstehung spielen ihrer Meinung nach die Medien mit der Debatte über den Islam und Schlagworten wie „Unterdrückung der Frau“. “Viele denken, dass muslimische Frauen nicht weltoffen sind. Und oft stimmt das ja auch! Viele von ihnen stecken noch in ihren Rollen fest. Die Erziehung spielt dabei eine große Rolle.” Wichtig findet Jasmin, dass man Menschen persönlich kennenlernt, weil man dann viele Vorurteile revidiert, aber manche wollten auch gar keinen Kontakt. Als ich ihr von meinen eigenen widerstreitenden Gefühlen zur Kopftuchdebatte berichte, nickt sie. „Es stimmt schon: Einige Frauen tragen es, weil sie so erzogen wurden oder ihr Mann es will, ohne nach dem Grund zu fragen. Sie haben gelernt: Es ist „haram“, verboten, es nicht zu tun. Tatsächlich aber stehen im Koran Dinge, die das Leben strukturieren und gut für uns sind, nicht für Allah, sondern für unser Leben. Anders als viele andere Muslime sehe ich das so: Wenn ich einer Religion angehöre, muss ich mich an die Regeln halten, das gehört eben dazu: Entweder ich mache es richtig oder nicht. Ich selbst trage das Kopftuch freiwillig und aus voller Überzeugung. Es gibt mir Halt, innere Ruhe und Selbstbewusstsein, mich an die Regeln meiner Religion zu halten. Und im Islam darf man generell niemanden zwingen, etwas zu machen, einen bestimmten Mann zu heiraten, ein Kopftuch zu tragen. Oft tun Frauen es aber aus Zwang oder Gewohnheit.“

Neugierig frage ich Jasmin nach dem tatsächlichen Grund, warum man als Frau seine Haare verbirgt.

In der arabischen Kultur sagt man: Die Haare sind die Hälfte der Schönheit der Frau. Und wenn eine Frau mit offenen Haaren umherläuft, führt das zu Reaktionen, die sich vermeiden lassen.

Das Gespräch mit Jasmin wirkt noch lange nach in mir. Ich bin beeindruckt von dieser selbstbewussten und selbstbestimmt lebenden Gleichaltrigen, die ihren festen Platz in unserer Gesellschaft gefunden hat. Mit Kopftuch.

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