Aleppo – einst Ziel und Weg

Die Zitadelle von Aleppo in einer Aufnahme von 2009. Foto: Yvonne Schmitt

Erinnerungen an meine Heimatstadt, die heute weitgehend vom Krieg zerstört ist

Aleppo (arabisch: Halab asch-Schah- ba) gilt als die größte Stadt Syriens. Sie liegt im Norden des Landes und ist etwa 310 km von Damaskus entfernt. Hier bin ich aufgewachsen und habe die bisher schönsten Tage meines Lebens verbracht.

Aleppo ist eine der ältesten bewohnten Städte der Welt. Gegründet wurde sie zu Beginn des 6. Jahrtausends v. Chr. Es ist sehr traurig, dass diese geschichtsträchtige Stadt in den vergangenen Jahren ohne Gnade und Mitleid zu großen Teilen zerstört wurde.

Aleppo war die Hauptstadt des Königreichs Jamchad. Dieser gehörte zum Volksstamm der Amurriter, der im 18. und 19. Jahrhundert v. Chr. existierte. Ihm folgten mehrere Zivilisationen (Hethiter, Aramäer, Assyrer, Perser, Römer, Byzantiner usw.). Im Jahre 944 n. Chr. war Aleppo die Hauptstadt der Hamdaniden. Zur Zeit ihres Herrschers Saif ad-Daula genoss die Stadt große Beachtung als Reiseziel von Gelehrten und Dichtern. Im Jahre 1516 gelangte Aleppo unter osmanische Herrschaft. Während der folgenden Periode wuchs die Bedeutung der Stadt: Sie wurde sogar die drittwichtigste Stadt im Osmanischen Reich nach Konstantinopel und Kairo.

Heutzutage ist Aleppo eine Wirtschaftsmetropole Syriens und für seine alteingesessene Industrie bekannt. Die Textilindustrie und die berühmte Aleppo-Seife gehören zu den Hauptwirtschaftsbranchen. Die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind Oliven und Pistazien. Aleppo beherbergt bedeutende architektonische Wahrzeichen und Kulturdenkmäler, die über viele Jahrhunderte entstanden sind und von vielfältigen Kulturen aus vorchristlicher bis zur islamischen Zeit zeugen. Die UNESCO hat die Altstadt von Aleppo zum Weltkulturerbe erklärt, weil sie mehr als 150 historische Kulturdenkmäler umfasst. Dazu gehört die Zitadelle von Aleppo, die zugleich als eines der wichtigsten Denkmäler der Welt gilt. Sie liegt auf einem hohen Hügel, der alle Teile der Altstadt überragt. Das Alter der Zitadelle wird auf über 5000 Jahre geschätzt.

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch der Zitadelle als Teenager, gemeinsam mit zwei Freunden. Es war Sommer. Wir schritten durch die Zitadelle, und es war ein erhabenes Gefühl, dort zu flanieren, wo bereits vor Tausenden von Jahren Menschen spazieren gingen. Auch der Ausblick auf die Stadt vom höchsten Punkt der Zitadelle aus hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck.

Aleppo weist eine unglaublich reiche architektonische Vielfalt auf, wie z.B. die charakteristischen Bauformen des Seldschukischen Reiches und den byzantinischen Baustil, aber auch die Architekturstile der Mamluken und der Osmanen sowie jener Kulturen, die folgten.

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die alten Stadtviertel. In einem der Viertel wird man schon von weitem vom unwiderstehlichen Essensgeruch angezogen. Fast jeder kennt diesen appetitlichen Duft des köstlichen Bohneneintopfes, der aus dem Laden von Abu Abdu überall durch das Viertel weht. Und so macht man eine Pause und genießt den herrlichen Geschmack der Bohnenspezialität mit Olivenöl, frischgebackenem Brot und Lauchzwiebel. Auch viele Touristen kommen hierher, nicht ohne ein Erinnerungsfoto zu machen.

Ein Muss für Besucher der Stadt sind die schönen alten historischen Märkte (arabisch = Souq) wie z.B. Souq Al Etma und Souq Khan Al Harir, von denen letzterer in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gebaut wurde. Darüber hinaus kann man Souq al-Attarine (Parfümerie- und Drogerieartikel) und Khan Asch-Schuna (Markt für Handwerkerarbeiten) besuchen.

Ein Markt in Aleppo in einer Aufnahme von 2009. Foto: Yvonne Schmitt

Ich liebte es immer sehr, zu diesen Märkten zu gehen und die prächtigen, verzierten Steinbauten zu bewundern. Damals tat ich es gern mit meinem Großvater. Dort wimmelte es von Leuten, die aus verschiedensten Städten zum Einkaufen kamen.

Ich erinnere mich auch gern an die Umayyaden-Moschee, die im Jahre 715 der Umayyaden-Kalif Al Walid ibn Abdulmalik errichtete. Diese Moschee befindet sich in der Nähe der Zitadelle. Die Altstadt von Aleppo hatte einst eine Stadtmauer mit neun Toren. Heute sind nur noch diese Tore erhalten und bilden markante Bestandteile der Stadt. Dazu gehören Baab Al Hadid, Baab Antakia und Baab Annasyr, aber auch andere prächtige Tore.

Bedauernswerterweise wurden viele dieser historischen Denkmäler im Krieg zerstört. Es sind nur wenige historische Sehenswürdigkeiten erhalten geblieben. Viele Dichter besangen die Stadt Aleppo, darunter Al-Mutanabbi, der sagte:

Wir blieben an keinem Ort,
auch wenn er uns willkommen hieß
und es uns schwerfiel, ihn zu verlassen.
Wann immer wir
von einem Ort willkommen geheißen wurden,
erwiderten wir:
„Aleppo, du bist unser Ziel, und du bist der Weg.”

Geschrieben von
Mehr von Osman Sana

Unser Haus ist eingestürzt

    Unser Haus ist eingestürzt wegen einer Bombe – sie wurde...
mehr