Angstfrei lernen? Das geht!

Foto: Hareth Almukdad

Der Verein „Yaylas Wiese“ setzt auf frohe Lernerlebnisse an Stelle von Frustration und Resignation

Das Erlernen einer neuen Sprache geht oft mit Nervosität, Enttäuschung und Resignation einher – sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben. Die Lehrerin Anne Peters beobachtete dies während ihrer langjährigen Tätigkeit immer wieder. Dabei wusste sie aus ihrer eigenen Erfahrung, dass das Lernen einer neuen Sprache nicht nervig und zermürbend sein muss, sondern auch begeistern und neugierig machen kann! Es gibt viele Möglichkeiten, die Angst vor der neuen Sprache in Begeisterung zu verwandeln. Ihren Traum, möglichst vielen Menschen frohe Lernerlebnisse zu ermöglichen, machte Anne Peters vor einigen Jahren mit der Gründung des Vereins „Yaylas Wiese“ wahr.

Die Landessprache verstehen und anwenden zu können sieht sie als Schlüssel zum Zugang und zur Teilhabe an Gesellschaft und Kultur. Besonders diejenigen, die sich in Diskurse einbringen und ihre Ideen öffentlich austauschen möchten, benötigen einen geschickten und unbesorgten Umgang mit Sprache.

Häufig geraten Schüler*innen durch die vielen Aufgaben beim Lernen stark unter Druck und haben große Angst, den Erwartungen nicht gerecht werden zu können. Unter Stress versuchen sie, möglichst viel zu lernen, und investieren viel Arbeit in Prüfungen, erhalten dabei jedoch häufig die Rückmeldung, dass ihr Können nicht ausreiche.

Diese Übungsaufgaben und regelmäßigen Überprüfungen sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil im staatlichen Bildungssystem, überfordern und entmutigen Schüler*innen aber manchmal mehr, als dass sie den Spaß am Lernen anregen.

Seit einigen Jahren arbeitet Anne Peters intensiv daran, Alternativen zu diesen etablierten Methoden zu entwickeln. Ein wichtiger Ansatz ihres Lernkonzepts ist die veränderte „Reihenfolge“ in der Vermittlung der komplexen Sprache. Als ersten Kontaktpunkt greift sie Geschichten und Bilder heraus. Grammatikalische Erklärungen und das Schreiben stellt sie hintenan, da sie aus ihrer Sicht eigentlich erst für Menschen verständlich sind, die schon sehr sicher in der Landessprache sind und viel gelesen haben. Der Anfangsimpuls durch „Yaylas Wiese“ ist stattdessen: Ausprobieren, erst Spaß und Interesse erregen, dann die Hintergründe erklären.

Die Schüler*innen pauken hier keine komplizierten Theorien, sondern lernen anhand ihrer eigenen Alltagserfahrung und immer in Verbindung mit einer Bewegung. Zum Beispiel üben sie den Satz „Ich gieße heißes Wasser langsam in meine Tasse“ langsam und deutlich sprechend mit Gesten oder Gegenständen. Im zweiten Schritt wiederholen und verschriftlichen sie das Gesprochene. Letztlich markieren sie in diesem Satz verschiedene grammatikalische Strukturen und leiten selbstständig Regeln ab, die sie auf viele andere Aussagen übertragen können. So entwickeln sie Muster, die ihnen vielfältig weiterhelfen können, hinter denen sie aber auch das „Warum“ bis ins kleinste Detail verstehen. Wenn noch Fragen offen bleiben, werden diese in der Muttersprache geklärt.

Um möglichst vielen Menschen mit dieser Methode helfen zu können, arbeitet das Team in Schulen und bildet Multiplikator*innen aus, die dann wiederum andere mit dem erworbenen Wissen unterstützen. Auch sind für die Zukunft Lernvideos geplant, die man sich auf einer öffentlich zugänglichen Internetseite anschauen und dann die verschiedenen Übungen selbst ausprobieren kann.

In einem weiteren Projekt des Vereins werden in Tandems Literaturklassiker gelesen und diskutiert. So erhalten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, sich auch über die Umgangssprache hinaus zu unterhalten und sich in der literarischen Sprache zu üben. Neben Klassikern wie Kafka, Böll und anderen werden auch Kinderbücher gemeinsam gelesen. Dieser Austausch schafft kulturelle Gemeinsamkeiten und Brücken und erzählt von einem tiefen Wissen über Moral, Natur, Geschichte und Erinnerungen der Menschen.

Die Projekte von „Yaylas Wiese“ befinden sich im stetigen Wandel und sind für jeden zugänglich: Unabhängig von Herkunft, Alter etc. kann sich jeder in das sprachliche Miteinander einbringen und seine Erfahrungen weitergeben. Schließlich fühlen sich nicht nur Ausländer, sondern auch viele Erwachsene und in Deutschland Aufgewachsene unsicher im eigenen Sprachgebrauch.

Nach vielzähligen Projekten blickt Anne Peters heute auf begeisternde Erlebnisse und Bekanntschaften zurück: mit Eltern, die die Entwicklung ihrer Kinder beobachten und sich wünschen, dass ihnen damals auch jemand diesen Weg angeboten hätte, und mit Auslandsstudenten, die sich fragen, warum sie in der Universität an Aufgaben verzweifeln mussten, wenn es hier doch viel einfacher funktioniert.

Den Namen „Yayla“ hat Anne Peters während einer Reise in einem türkischen Dorf zum ersten Mal gehört. Er ist ihr in Erinnerung geblieben und steht nun für eine gute Lernfee, die einen sicheren und heiteren Ort zaubert, in dem Schüler*innen ohne Angst eine Sprache erlernen können. Jede/r ist eingeladen, sich zu der Gruppe zu gesellen und sich gemütlich auf „Yaylas Wiese“ auszustrecken.

www.yaylaswiese.de

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