Brücke zwischen den Kulturen – Der Verein Yaar hilft afghanischen Geflüchteten in Berlin

Kava Spartak war zehn Jahre alt, als er 1991 mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland kam. Er wuchs in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen auf. In Köln und London studierte er Kommunikation und Global Studies. Im Jahr 2011 ist er nach Berlin gezogen, seitdem engagiert er sich für Geflüchtete aus Afghanistan. Foto: Hareth Almukdad

Interview mit Kava Spartak, dem Geschäftsführer des Vereins der Hilfsorganisation Yaar e.V. für afghanische Geflüchtete in Berlin, der erklärt, welche Ziele sich der Verein gesetzt hat und welche Aktivitäten „Yaar“ (persisch = Freund, Begleiter und Helfer) unternimmt.

 

WAS IST DAS ANLIEGEN VON YAAR, UND WESHALB WURDE DER VEREIN GEGRÜNDET?

Das wichtigste Ziel von Yaar ist es, afghanischen Geflüchteten, die neu nach Deutschland gekommen sind und in Berlin wohnen, eine Art Starthilfe zu leisten. Wir versuchen für afghanische Geflüchtete ein Begleiter und Helfer für ihr neues Leben in Deutschland zu sein. Im ersten Schritt wollen wir dabei helfen, die deutsche Sprache zu lernen. Außerdem ermöglicht der Verein interkulturelle Begegnungen. Zusammen mit neu angekommenen afghanischen Geflüchteten organisieren wir Veranstaltungen, um den Berliner*innen die afghanische Kultur näherzubringen. Aber Yaar bietet auch Aktivitäten, um den afghanischen Geflüchteten die Kultur Deutschlands vorzustellen und vertrauter zu machen. Dies geschieht zum Beispiel in unserem Sprachcafé. Dort wird beim Erlernen der deutschen Sprache gleichzeitig auch auf kulturell spezifische Themen eingegangen. Daneben gibt es bei uns eine juristische Beratung in Asylangelegenheiten und ein allgemeines Sozialberatungsangebot für Geflüchtete, die einen Platz in dieser Gesellschaft finden und hier ankommen wollen.

WIE STARTETE YAAR UND WO STEHT DER VEREIN HEUTE?

Yaar wurde 2012 von afghanischen Geflüchteten, die frisch nach Deutschland gekommen waren, und von in Deutschland aufgewachsenen Afghanen gegründet. Die ersten vier Jahre haben alle Mitglieder rein ehrenamtlich gearbeitet. 2016 nahm der Verein dann offiziell seine Arbeit mit einem eigenen Büro in Berlin auf, unterstützt vom Bezirksamt Berlin-Mitte. Der Bezirk reagierte damals sehr positiv auf unseren Förderantrag und unsere Angebote. 2015 kamen ja besonders viele afghanische Geflüchtete nach Berlin, und man hat gleich erkannt, dass eine solche Organisation, die afghanische Menschen beim Ankommen unterstützt, dringend gebraucht wurde. Mittlerweile wird Yaar auch vom Berliner Senat und den Bezirken Pankow und Lichtenberg unterstützt und mit Projekten beauftragt, darunter Seminare zur Stärkung der Teilhabe. Heute ist Yaar ein Begriff in der afghanischen Community, bei NGOs, aber auch in der Berliner Politik und Verwaltung.

KÖNNEN SIE UNS NOCH EIN BISSCHEN GENAUER VON IHREN BERATUNGSANGEBOTEN UND AKTIVITÄTEN ERZÄHLEN? IST DER VEREIN AUCH POLITISCH AKTIV?

Yaar hilft den Menschen auf vielfältige Weise. Wir haben eine Anwältin für Asylangelegenheiten und andere rechtliche Fragen.

Daneben bereiten wir Asylbewerber*innen auf ihre Anhörung beim BAMF vor und beraten sie nach der Anhörung weiter. Und ja, wir sind auch politisch aktiv: Seit Dezember 2016, als die deutsche Regierung begonnen hat, afghanische Geflüchtete zwangsweise abzuschieben, hat Yaar mehrere Demonstrationen und Versammlungen mitorganisiert und Menschen ermuntert, sich anzuschließen, und damit eine aktive Rolle in der Mobilisierung gegen Abschiebungen übernommen.

Wir geben auch Starthilfe für neu gegründete Gruppen, die aktiv werden wollen. Junge Afghan*innen konnten zum Beispiel in den Büroräumen des Vereins ihre Workshops organisieren. Afghanische Künstler*innen unterstützen wir bei der Planung und Umsetzung ihrer Aktivitäten, wie zum Beispiel bei der Aufführung von Theaterstücken, Kunst- und Medienausstellungen. Seit einigen Monaten ist auch eine sehr engagierte Frauengruppe entstanden, die sich selbst organisiert und stets neue Angebote für afghanische Frauen anbietet.

Man könnte sagen, dass Yaar eine Brücke für die Kommunikation zwischen afghanischen Geflüchteten und anderen Berliner*innen ist. Der Verein möchte ein Zentrum für Deutsche und Afghan*innen sein, die ihre jeweiligen Kulturen kennenlernen wollen. Damit übernimmt Yaar eine wichtige Rolle im interkulturellen Dialog und der Integration.

WELCHEN RAT HABEN SIE FÜR DIE AFGHAN*INNEN, DIE NACH BERLIN KOMMEN?

Ich wünsche ihnen vor allem viel Kraft bei der Überbrückung des Asylprozesses. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir, dass sie politisch aktiver werden, wie z.B. an Demonstrationen und Kundgebungen teilnehmen. Darüber hinaus wünsche ich ihnen, dass sie Geduld bei der Überwindung der vielen Anfangshindernisse haben, wie dem Erlernen der deutschen Sprache oder der Wohnungssuche. Alle diese Probleme lösen sich mit der Zeit. Ich empfehle ihnen, sich bestmöglich in die Gesellschaft zu integrieren und die Chancen zu nutzen, die diese Stadt ihnen und ihren Kindern bietet. Zugleich aber sollten sie ihre Kultur und ihre Wurzeln nicht vergessen und diese auch an ihre Kinder weitergeben.

Geschrieben von
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