heimat ist mir ein leeres wort

Auf der Flucht nach Kriegsende konnte Wolfgang Hille mit seiner Familie in Bujendorf auf einem Bauernhof bei den Schweinen übernachten. Als seine Mutter am nächsten Morgen die Wäsche wusch und zum Trocknen auf die Wiese legte, jagte die Bäuerin die Schweine darüber. Illustration: Robert Jordan

erinnerungen eines flüchtlings im nachkriegsdeutschland

EIN GASTBEITRAG VON WOLFGANG HILLE

ich wurde am 8. januar 1943 mitten im krieg in berlin geboren, als die sirenen heulten, die bomben fielen, die schrecken von auschwitz ihr schlimmstes ausmaß erreichten und dieser krieg mit der schlacht um stalingrad für die nazis – zu denen mein vater gehörte – verloren war. was ich als baby im luftschutzkeller erlebte, weiß ich nicht mehr. auch davon, dass meine mutter während der schwangerschaft unter ödemen an den eileitern litt, die für uns beide lebensbedrohlich waren, weiß ich nur aus ihren erzählungen. ebenso, dass mein vater sie zu meiner geburt mit der beichte von einem liebesverhältnis mit einer 16-jährigen überfiel und sie anflehte, ihm zu helfen, damit er – weil es herausgekommen war – nicht an die front versetzt werden würde.

all diese erlebnisse ließen meine mutter niemals wieder los. stets von neuem begann sie von ihren ängsten in den luftschutzkellern zu erzählen, von unserer flucht zu ihrer mutter und wie wir dort unter trümmern verschüttet wurden, wie es ihr gelang, uns freizuschaufeln; von der folgenden flucht mit einem bummelzug zu meinem vater, der mit ihrer hilfe in greifswald stationiert worden war; davon, wie tiefflieger den zug angriffen, wie er mitten auf der strecke stehenblieb, wie wir fortstürzten und hinter bäumen schutz suchten; wie ein bauernhaus in unserer nähe brannte (dies ein erlebnis, das zu meinen ersten erinnerungen gehört). meine mutter war es, die dem willen meines vaters entgegentrat, der auf heldentaten begierig, die stadt greifswald mit dem gewehr in der hand gegen die rotarmisten verteidigen wollte, und durchsetzte, dass wir weiter in richtung westen flohen.

so stand mein vater mit der pistole in der hand auf dem schutzblech eines lastwagens, mit dem wir mit anderen soldaten zusammen zu flüchten suchten, und scheuchte auf diese weise andere flüchtlinge, die ungewollt den weg versperrten, zur seite. als er vom selbstmord (dem vorgeblichen heldentod) hitlers erfuhr, wollte er uns alle erschießen. erneut widersprach ihm meine mutter und rettete – vermutlich zum zweiten mal – unser leben. und bis heute ist mein erschreckendes gefühl dazu, dass er zwar uns, doch niemals sich selbst erschossen hätte, sondern sich im gegenteil darüber gefreut hätte, uns so problemlos loszuwerden.

schließlich gelang es uns, als letzte die trave zu überqueren, bevor die brücke vor den russen gesprengt wurde. wir erreichten einen ort namens bujendorf, wo uns ein bauer erlaubte, bei den schweinen zu übernachten. als meine mutter am nächsten morgen dort unsere wäsche wusch und zum trocknen auf die wiese legte, jagte die bäuerin die schweine darüber.

englische soldaten verhafteten meinen in zusammengewürfelten uniformteilen steckenden vater als spion und wollten ihn erschießen. aber als sie hörten, er sei arzt, schickten sie ihn nach neustadt in holstein in ein gefangenenlager, da dort eine seuche ausgebrochen war. wir zogen als unerwünschte flüchtlinge (mit flüchtlingsausweisen versehen) von einer untervermieteten wohnung in die nächste, stets von neuem unerwünscht und von der abschiebung in ein flüchtlingslager bedroht. viel später waren wir schließlich in reutlingen angelangt und galten dort stets als die „rei‘gschmeckten“, die dort gar nichts zu suchen hatten.

heimat ist mir ein leeres wort und sprache ist mir so wenig heimat wie irgendetwas anderes.

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