Tausenundeine Nacht: Leidenschaft mit Folgen

Foto: Hareth Almukdad

Das Werk des großen deutschen Dichters Goethe ist maßgeblich von der arabischen und persischen Literatur beeinflusst

Vor dem Hintergrund weltweit zunehmender Hassparolen, nationalistischer und rassistischer Hetze sowie der sich mehrenden Kundgebungen, bei denen zur Abschottung nach außen und zum Abbruch des Dialogs mit anderen Kulturen aufgerufen wird, möchte ich mich mit den Lesern auf einen Ausflug in die Welt der alten Literatur begeben und in einigen heiteren Augenblicken fernab von Hass und Feindseligkeiten verweilen.

Ich möchte über die Beziehung zwischen der deutschen und der arabischen Literatur sprechen, unter besonderer Berücksichtigung des großen deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe, der in der arabischen Welt sehr bekannt ist. Diese Bekanntheit ist insbesondere auf die vielen nach ihm benannten deutschen Kulturzentren im Ausland zurückzuführen, die dort mittels zahlreicher Veranstaltungen und Workshops für die Verbreitung und Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur sorgen. Goethe selbst hat sich leidenschaftlich gern mit der Literatur anderer Länder beschäftigt. So heißt es in seinem West-östlichen Divan:

„Wer das Dichten will verstehen, Muß ins Land der Dichtung gehen.“

Viele deutsche Literaturhistoriker gehen davon aus, dass sich Goethe nach dem Jahr 1805 von der klassischen Literatur ab- und der romantischen Literatur zuwandte. Diese Hinwendung ist zu großen Teilen auf seine Begegnung mit den literarischen Werken verschiedener arabischer und persischer Dichter zurückzuführen. Dazu gehörten die beiden Dichter Amru al-Qais und Antara ibn Schaddad aus vorislamischer Zeit sowie Al-Mutanabbi, der zur Zeit der Abbasiden lebte. Darüber hinaus befasste er sich mit einigen Gedichten des persischen Dichters Hafis al-Schirasi, zu denen er dank der deutschen Übersetzungen durch den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall Zugang erhielt.

Überhaupt war Goethe voller Bewunderung für die persische Poesie. Die 1819 erschienene Erstausgabe des Divan wurde von Goethe in zwölf Bücher unterteilt, und zwar: Buch des Sängers, Buch Hafis, Buch der Liebe, Buch der Betrachtungen, Buch des Unmuths, Buch der Sprüche, Buch des Timur, Buch Suleika, Das Schenkenbuch, Buch der Parabeln, Buch des Parsen, Buch des Paradieses. Goethe hat in seiner Gedichtsammlung viele west-östliche Vergleiche angestellt. Außerdem wird darin der Koran inhaltlich wie sprachlich aufgegriffen, wie folgendes Gedicht zeigt:

„Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände!“

Der Divan setzt sich aus zwei Teilen zusammen: einem Poesie-Teil und einem Prosa-Teil. Letzterer beinhaltet die Meinungen Goethes zur arabischen Literatur. So war die ara-bische Literatur für ihn keine Literatur der persönlichen Anschauungen und Eindrücke, sondern zeichnete sich durch ihren raffinierten Umgang mit tradierten dichterischen Formen und Mitteln aus, hinter denen man die Persönlichkeit des Dichters erkennen konnte. Goethe war weiterhin der Auffassung, dass ein Dichter nicht alles leben und fühlen muss, wovon er schreibt. Das würde insbesondere dann gelten, wenn er sich in komplizierten Umständen befindet. Arabische Dichter begannen ihre Ghasel, eine arabische Gedichtform, übrigens immer mit Versen, die mit dem eigentlichen Thema des Ghasel nichts zu tun hatten. Sie bezogen sich nicht, wie häufig angenommen, auf eine schon bestehende Geliebte, sondern auf eine Liebe oder Geliebte, die allein in der Fantasie des Dichters existierte. Darüber hinaus war Goethe der Meinung, dass die arabischen Dichter allerhöchsten Respekt dafür verdienten, dass sie in dieser breiten, endlosen Welt ihre Aufmerksamkeit auf das scheinbar Nebensächliche richteten und einen tiefsinnigen und zarten Blick besaßen, mit dem sie die Details der Dinge herausstellten.

Auch haben viele arabische Wörter und Namen durch Goethe in die deutsche Sprache Eingang gefunden: Divan, Bulbul und der Name Suleika, die Frau von Hatim al-Tai, ein Poet, der Goethe aufgrund seines Charakters und seines Edelmuts sehr beeindruckte.

Vom Verleger Johann Friedrich Cotta erhielt Goethe die erste vollständige deutsche Übersetzung der morgenländischen Erzählsammlung Tausendundeine Nacht. In der Rahmenhandlung dieser Sammlung geht es um Shahryar, einen gerechten König, der seine Frau sehr liebt – bis zu dem Tag, an dem er herausfindet, dass sie ihn mit einem der Sklaven des Palasts betrügt. Er lässt sie töten und beschließt aus Hass auf alle Frauen dieser Welt, sich an ihnen zu rächen: Shahryar heiratet fortan jeden Tag eine neue Frau, die er am folgenden Morgen töten lässt. In der Hoffnung, dieses Blutvergießen endlich zu beenden, schlägt Shahrazad, die Tochter eines seiner Minister, vor, sich vom König zur Frau nehmen zu lassen. Shahrazad war sehr klug und konnte sich ganz hervorragend Geschichten ausdenken. So fängt sie jeden Tag nach Einbruch der Dunkelheit an, dem König ihre exotischen Geschichten zu erzählen, und hört erst bei Morgendämmerung damit auf, nämlich genau dann, wenn die Geschichte allzu spannend wird. So zwingt Shahrazad den König dazu, sie nicht zu töten und die folgende Nacht abzuwarten, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Tausendundeine Nacht vergehen und Shahryar hat sich längst in Shahrazad verliebt, sodass sie nicht mehr um ihr Leben fürchten muss.

Goethe hatte diese Geschichten schon als Kind von seiner Mutter und Schwester erzählt bekommen. Auch als Erwachsener las er sie mit enormem Interesse. Sein Roman „Die Leiden des jungen Werther“ ist stark von Tausendundeiner Nacht beeinflusst. Später inspirierten ihn diese Geschichten ihn wohl auch zu seinem mit überwältigendem Schöpfergeist verfassten und von morgenländischem Zauber beflügelten berühmten Werk „Faust“, das eines der bekanntesten deutschen literarischen Werke überhaupt ist. Es wurde in Gedichtform geschrieben und umfasst zwei Teile, die insgesamt aus mehr als 12.000 Verszeilen bestehen, wobei sich der erste Teil aus 4.613 Versen, der zweite aus 7.410 Versen zusammensetzt. Damit ist das Drama „Faust“ rund fünfmal so groß wie eines von Shakespeares Theaterstücken. Dass Goethe die zwei Teile nicht durchgehend und zeitlich aufeinanderfolgend geschrieben hat, stellt das Werk vor einige Schwierigkeiten. Den ersten Teil vollendete er 1805, den zweiten kurz vor seinem Tod, im Jahr 1831. Das heißt, zwischen dem Beginn und der Fertigstellung des Werks in seinen späteren Lebensjahren waren 25 Jahre vergangen. So ist dieses Werk gewissermaßen als Weggefährte Goethes zu betrachten. Umso weniger erstaunt also, dass viele Literaturwissenschaftler der morgenländischen Literatur eine wesentliche Bedeutung für die Werke von Deutschlands großem Dichter zuschreiben. Zu diesen Literaturwissenschaftlern gehört auch die Deutschamerikanerin Katharina Mommsen, an der man kaum vorbeikommt, wenn man über Goethe und seine Beziehung zur arabisch-islamischen Welt spricht. Immerhin hat sie ihr wissenschaftliches und akademisches Leben über Jahrzehnte hinweg Goethes Werken und deren Beziehung zur arabisch-islamischen Kultur gewidmet.

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