Und Dein Herz beginnt zu tanzen

Beim Erzählen von der Türkei und ihrer Hauptstadt Istanbul, in der sie mehrere Monate verbrachte, gerät unsere Autorin Nawara Ammar absolut ins Schwärmen. Foto: Yazan Hito

Liebeserklärung an ein Land zwischen Orient und Okzident

Lieben kann man nicht nur einen Menschen, sondern auch ein ganzes Land. Wie ein Quadrat liegt die Türkei zwischen den arabischen und nichtarabischen Ländern. Diese Lage macht sie zu einem Schmelztiegel der westlichen Welt und des traditionellen Morgenlandes, einem Schmelztiegel, dem noch dazu sein ganz eigener Charme innewohnt. Das macht dieses Land zu einem Stück Paradies, das auf die Erde herabgefallen zu sein scheint. Der Himmel jenes Paradieses findet in der türkischen Meeresküste seine Verkörperung, wo sich die Gischt in einer Farbkombination aus Weiß und Blau intensiver nicht zeigen könnte.

Und die Gässchen erst! Ihre florale Ausgestaltung lässt einen ganz hin und her gerissen davon sein, ob man in Anbetracht dieser Pracht eingeschüchtert sein oder sich den Erinnerungen an die Heimat hingeben soll. Man hat das Gefühl, als sei man schon einmal auf diesen Pfaden gewandelt, durch diese alten und nach Jasmin duftenden Gässchen hindurchspaziert, die so viele Ähnlichkeiten mit der Heimat aufweisen. Der Grund dafür ist in der Zeit des Osmanischen Reichs zu suchen, das über viele Jahrhunderte andauerte. So prägen architektonische Elemente aus dieser Zeit das Bild dieser Gässchen bis heute. Während man voll und ganz in diesem faszinierenden Anblick versunken ist, beginnt das Herz zu den Klängen türkischer Musik zu tanzen. Sie dringt aus einem kleinen Laden und entlockt einem ein Lächeln, das aus dem tiefsten Inneren kommt. So werden die einfachsten Momente der Glückseligkeit vollkommen.

Traurigkeit scheint für mich in diesem Land keinen Platz zu haben, was auch immer geschehen mag.

Man öffne einfach das Fenster seines Hauses und lausche ein wenig den Gesprächen im Viertel: Der eine lädt gerade seinen Nachbarn auf ein Glas Tee ein, eine andere schüttelt das Tischtuch aus, und wieder eine andere verbiegt sich hinter dem Fenster bis zur Lebensgefahr, um jede Ecke ihres Hauses, drinnen wie draußen, gründlichst von Schmutz und Staub zu befreien. Wie angewurzelt vor Schrecken ob dieses waghalsigen Anblicks steht man da und weiß sich nicht zu helfen: Laufe ich schnell hin, um sie aufzufangen, wenn sie runterfällt, oder winke ich ihr wie alle anderen Nachbarn lieber unbekümmert zu, als wäre es die normalste Sache der Welt, die sie da tut?

Wenn man als Araber denkt, man sei hier fremd, dann sitzt man einem Irrtum auf. Man gebe sich in diesem Fall einfach einen Ruck und setze sich neben jemand Älteres, grüße ihn mit den gleichen Worten wie in der Heimat: „Salaam alaykum!“ Abgesehen von geringfügigen Abweichungen in der Aussprache wird der Alte den Gruß so erwidern, wie man es gewohnt ist: „Wa alaykum as-salaam!“ Das darauffolgende Gespräch wird man auf jeden Fall zur Hälfte verstehen, denn ein nicht unerheblicher Teil der im Türkischen verwendeten Wörter kommt aus dem Arabischen – wiederum ein Relikt aus Osmanischer Zeit. Übrigens verwendeten die Türken sogar die arabische Schrift, bis Mustafa Kemal Atatürk sie durch die lateinischen Buchstaben ersetzen ließ.

Foto: Hamza Razouk

Was die andere Hälfte des Gesprächs betrifft, so erschließt sie sich einem aus dem Zusammenhang oder durch die Gestikulation des älteren Herren, dem sich dank des Gesprächs endlich die Möglichkeit bietet, jemandem von den Abenteuern seines Lebens zu erzählen. Abgesehen davon, dass man selbst mit viel Wissen über die türkische Sprache aus diesem freundlichen Kennenlernen geht, vergisst derjenige, der seine eigene Lebensgeschichte mit einem teilte, wohl nie mehr, dass man ihm einst sein Ohr schenkte – vielmehr noch: Er wird seiner Familie und seinen Enkeln von seiner Begegnung erzählen.

Umso weniger sollte es einen dann überraschen, wenn man nach Hause zum Essen eingeladen wird, als wäre man schon längst ein Teil der Familie.

Genauso wenig verwundert sein sollte man darüber, dass man nach der gemeinsamen Mahlzeit so vollbepackt mit Essen nach Hause zurückkehrt, als wäre man gerade bei der eigenen Großmutter gewesen, die nie etwas davon hören wollte, dass man „wirklich satt“ ist.

Wenn dann die Nacht eingekehrt und es dunkel geworden ist, sollte man den Blick gen Himmel richten: Wie unzählige Schönheitsflecken sprenkeln die funkelnden Sterne das Firmament. Sie erinnern mich an die Sommersprossen auf meiner Wange. Fasziniert von diesem wundervollen Himmelszelt fragt man sich: „Ist das dort oben des Himmels Glanz oder doch die Finsternis der Nacht?“

Geschrieben von
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