Von Admiral bis Zucker – Sprechen wir nicht alle ein bisschen Arabisch?

Foto: Hareth Almukdad

TEIL 1: HISTORISCHE EINORDNUNG

„Stammt das Wort Matratze aus dem Lateinischen, Arabischen oder Griechischen?“ Oder das Wort Ziffer? Oder Razzia? Das fragte das Team von kulturTür in einem Quiz die Besucher des Interkulturellen Festes in Steglitz im September. Und so überrascht, wie viele immer wieder waren, als sie von der arabischen Herkunft dieser Wörter hörten, wird bestimmt auch mancher Leser oder manche Leserin sein. (Im Arabischen bedeutet al-matrah soviel wie Platz, Matte und Matratze, as-sifr steht für Null, Zahlzeichen, und ar-razwa für Kriegs- oder Beutezug und im Deutschen für polizeiliche Durchsuchung.)

Hätte man nach Moschee, Imam oder Mokka gefragt, wäre die Antwort sicher leichter gefallen. Aber schon bei dem Wort Kaffee, der im 16./17. Jahrhundert über das Osmanische Reich und Venedig nach Europa gelangte, und al qahwa im Arabischen nach der äthiopischen Landschaft Kaffa benannt ist, vermutet man nicht, dass auch das Wort Kaffeebohne, benannt nach dem arabischen Wort für Kaffeebeere al bunn, herrührt. Und dazu die Tasse, die arabisch at tasa heißt, ein Wort, das über Sizilien, italienisch la tazza, und über Andalusien und Frankreich, la tasse, nach Deutschland kam. Darin trinkt man noch heute die zur damaligen Zeit fremden Getränke wie Tee, Kakao und Kaffee, die damals den Weg nach Europa fanden.

Und viele weitere Wörter aus unserem täglichen Sprachgebrauch, über die wir nicht weiter nachdenken, stammen aus dem Arabischen: Der Admiral kommt von amir al-bahr, der Befehlshaber der Flotte, und der Zucker rührt von as-sukkar her, was so viel wie Süßigkeiten, Zucker, Bonbons bedeutet.

Foto: Hareth Almukdad

Welche verschlungenen Wege sind diese vielen Wörter gegangen, bis sie in den deutschen Wortschatz gelangten? Bei der Lektüre des Buches „Wörter arabischer Herkunft“, zusammengestellt von Nabil Osman*, stellt man schnell fest, dass die noch junge Religion des Islam durch ihre schnelle Expansion im 7. und 8. Jahrhundert mit den kulturellen Einflüssen seiner eroberten Gebiete von Zentralasien bis an den Atlantik Naturwissenschaften, Philosophie, Medizin und Kunst in Europa enorm bereichert hat. Der ägyptische Germanist Osman hat die Herkunft von rund 500 Wörtern beschrieben.

Von Ägypten aus überschritt der Berber Tariq ibn Zuyad im Jahr 711 die nach ihm benannte Meerenge von Gibraltar, arabisch Djabal Tariq, Berg des Tariq, und drang in das westgotische Reich, Hispania, nach Spanien vor. Damit begann die wirtschaftliche und politische Blüte von al-Andalus, Andalusiens. Cordoba wurde schnell zum Anziehungspunkt von Gelehrten, Dichtern und Denkern der gesamten islamischen Welt. Durch die geübte Toleranz – unter erhöhter Steuer für die Andersgläubigen – entstand in al-Andalus eine Symbiose der unterschiedlichen kulturellen Strömungen islamischer, jüdischer und christlicher Traditionen, die bis ins übrige christliche Abendland ausstrahlte. Ab dieser Zeit verbreiteten sich Wissenschaften wie Medizin, Philosophie, Literatur, Baukunst, Musik weit über die Grenzen hinaus. Zudem kam auch Sizilien bis 902 unter islamische Herrschaft. Auch hier wurden Sitten und Gebräuche, Wissenschaft und Künste der Eroberer übernommen. So ist es nicht verwunderlich, dass über die neu eroberten Gebiete Reis, arabisch ar-ruz, oder Zitronen, Limonen, arabisch al-leimun, und somit auch der Ausdruck Limonade, und vieles mehr nach Europa gelangten und damit auch die Bezeichnungen den Weg zunächst in die romanischen Sprachen und später ins Deutsche fanden.

Von Bagdad aus wurden auch unter der Dynastie der Abbasiden (749/50-1258) die Künste und Wissenschaften sehr gefördert und Gelehrte aus allen Disziplinen unterstützt. Griechische Werke wurden ins Arabische übersetzt und dann in alle arabischen Länder sowie nach Spanien gebracht. Dies hatte zur Folge, dass zahlreiche eigenständige arabische Entwicklungen der antiken Wissenschaften möglich waren. Darüber hinaus wurden Enzyklopädien der Naturwissenschaften Medizin, Philosophie, Astrologie, Literatur ins Lateinische übersetzt, wodurch sie sich noch stärker im europäischen Kulturbereich verbreiten konnten.

Ohne die sprachliche Vermittlung der Muslime besonders nach dem 12. Jahrhundert hätten Medizin und weitere Natur- und Geisteswissenschaften in Europa nicht einen solchen Fortschritt machen können, auf den zahlreiche arabische Ausdrücke in unserem Alltag zurückgehen.

Davon soll nach dieser historischen Einordnung in der Fortsetzung im nächsten Heft die Rede sein, wenn zahlreiche Sprachbeispiele aus den verschiedenen Wissenschaften vorgestellt werden. Damit liegen Sie beim nächsten Rätselraten sicher richtig!

*Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft, Hrsg.: Nabil Osman, München 1982

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