Am Strand

Geschafft: nach einer schier endlosen Überfahrt zusammen mit 33 fremden Menschen auf einem winzigen Schlauchboot erreichen Hareth und Hiba die Insel Lesbos, und zwar ohne Gepäck: dieses hatten sie wie alle anderen ins Meer geworfen, als das Schlauchboot zu schaukeln begann. Foto: Hiba Hamdan

Die ersten Sonnenstrahlen blinzelten uns entgegen – endlich. Denn die Tage davor machte es uns das stürmische Wetter in der türkischen Stadt Izmir unmöglich, die Überfahrt über das Meer anzutreten. Nun, so teilte uns der Schleuser mit, war der Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen.

Nachdem wir um etwa acht Uhr morgens zu Fuß an der Küste angekommen waren, hatten wir zwischen den Bäumen unser Versteck vor der türkischen Küstenwache gefunden. Es waren acht Familien, die sich um das Lagerfeuer herum verteilten. Wir hatten es selbst entzündet, denn die Novembersonne war nicht wirklich warm. Während das Feuer loderte, studierte ich die Gesichter meiner Begleiter – ich kannte sie genauso wenig wie sie mich. Und dennoch teilten wir in diesem Augenblick das gleiche Schicksal. Fast grotesk wirkte es, als jemand sein wie ein Schmetterling um das Lagerfeuer umherschwirrendes Kind ermahnte, sich bloß nicht zu verbrennen – schließlich würde er doch kurze Zeit später mit seinem Kind in einem Schlauchboot auf dem stürmischen Meer sitzen … Auf den Gesichtern der Mütter zeigte sich ein aufgesetztes Lächeln, das tatsächlich aber ihre Angst und Sorgen offenbarte, die niemand von uns zu verbergen vermochte. Immer wieder vergewisserten sie sich, dass die Rettungswesten ordentlich an ihren Kindern saßen und zogen sie noch ein bisschen fester an. Meiner Frau und mir wurden die Rettungswesten unglücklicherweise auf der Fahrt von Izmir zur Küste von einer Polizeipatrouille abgenommen. Unser Fahrer, der mit dem Schleuser gemeinsame Sache machte, versicherte uns, dass wir Reservewesten bekämen. Bei unserer Ankunft an der Küste stellte sich allerdings heraus, dass er gelogen hatte und wir ohne Rettungsweste zur Fahrt über das Meer würden aufbrechen müssen.

Plötzlich streckte mir der Mann, der neben mir am Lagerfeuer saß, seine Hand entgegen und stellte sich vor: „Ich bin Ahmed aus Latakia, und das ist meine Frau. Wir haben zwei Kinder. Der große heißt Majid …“ – „Yalla, los geht’s, Leute!“, wurde er abrupt vom Schleuser unterbrochen. Kaum war dieser Satz über seine Lippen gegangen, rissen alle ihre Augen weit auf. Sie wirkten wie paralysiert, ganz und gar so, als ob sie dies überhaupt nicht hören wollten. Ich aber war dankbar dafür, dass er uns unterbrochen hatte, da ich absolut nicht daran interessiert war, unter diesen Umständen Bekanntschaft mit jemandem zu machen. Denn ich hatte Angst, dass ich wenige Stunden später über das Schicksal von diesem Jemand schockiert sein könnte. Die Männer wurden aufgefordert, das Schlauchboot zwischen den Bäumen hervorzuholen und zur Küste zu tragen.

Vier Männer vorne, vier Männer hinten, so gingen wir mit dem Boot auf unseren Schultern Richtung Strand, als würden wir unseren eigenen Sarg tragen.

Es war um einiges leichter, als wir erwartet hatten – was unsere Angst nur noch größer werden ließ. Wir waren 35 Leute – wie bloß sollte dieses kleine Schlauchboot das Gewicht all dieser Menschen tragen können? Das kalte Wasser, das ich plötzlich an meinen Beinen spürte, riss mich aus meinen Gedanken. Das Boot war bereits da, wo es sein sollte: Ich stand bis zur Hüfte im Wasser. Nun galt es, das Schlauchboot festzuhalten, damit die Frauen und Kinder einsteigen konnten. Während einer nach dem anderen hineinkletterte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf ihre Gesichter. Erleichterung lag in der Luft. Vielleicht aber war es tatsächlich viel eher so etwas wie Resignation. Immerhin waren wir nunmehr an dem Punkt, wo es kein Zurück mehr gab. Als wir eine ältere Dame ob ihrer fehlenden Kraft, selbst ins Boot zu steigen, gemeinsam ins Boot heben mussten, war der Augenblick für mich gekommen, an dem ich mir nur noch eins wünschte: dass das Meer austrocknete.

Es war 8 Uhr und 12 Minuten, als wir ins Boot stiegen. Die Kinder wurden in der Mitte platziert, die Erwachsenen verteilten sich an den Seiten. Als dann der Motor loszuheulen begann, brachen alle möglichen Gefühle aus den Leuten heraus: Die einen beteten, die anderen sangen vor sich hin – eins hatten sie aber alle gemeinsam: Ihnen stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Ich richtete meinen Blick auf die griechische Insel Lesbos, genauer gesagt, auf die Hafenstadt Mytilini, die wir von der türkischen Küste aus schon teilweise sehen konnten. Dann nahm ich die Hand meiner Frau und deutete auf die von uns angesteuerte Insel, um sie von all den Leuten um uns herum abzulenken. Kaum hatte das Boot die ersten hundert Meter hinter sich, sprang der türkische Schleuser unvermittelt vom Boot und schwamm zurück Richtung Küste. Daraufhin brach eine Frau in einen heftigen Heulkrampf aus. Ununterbrochen weinte sie eine halbe Stunde lang und steckte auch noch die anderen damit an.

Wie ein böser Geist ging im Boot plötzlich das Weinen umher.

Ich versuchte, die Leute zu beruhigen, indem ich ihnen jede halbe Stunde erzählte, dass wir in 15 Minuten auf der Insel ankommen würden. Tatsächlich verfolgte ich die Route mit einer Navigations-App auf meinem Handy, während ein junger Iraker das Boot steuerte. Im Nachhinein erfuhr ich, dass der Schleuser dem jungen Mann zuvor erklärt hatte, wie er die Überfahrt ohne ihn fortsetzen könnte. Im Gegenzug wurde ihm das Schleusergeld in Höhe von 1.000 US-Dollar erlassen.

Endlich in griechischen Gewässern schwimmend, kam langsam ein Gefühl der Erleichterung in uns hoch. Denn zumindest würden wir jetzt nicht mehr in die Türkei zurückgeschickt werden, sobald uns die Küstenwache entdeckte, sondern bis nach Griechenland begleitet werden. Über uns schwebte ein Helikopter.

„Bestimmt nehmen sie gerade Filmszenen auf, in denen wir die ertrinkenden Komparsen darstellen“, dachte ich. Als sich uns kurz darauf die griechische Insel größer und größer zeigte, wurde das – diesmal aufrichtige – Lächeln auf unseren Gesichtern immer breiter. Diejenigen, die beteten, wurden weniger, während immer mehr zu singen begannen. Allmählich konnten wir auch Menschen an der Küste erkennen. Die letzten hundert Meter nutzte jeder dazu, Gott dafür zu danken, diese Überfahrt überlebt zu haben. Doch nicht nur das: Die Leute umarmten sich, als wären sie alte Freunde gewesen.

An der griechischen Küste angekommen, standen Hilfsorganisationen bereit, die uns mit Wasser, Nahrung und warmer Kleidung versorgten. Denn Koffer hatten wir keine mehr dabei – diese hatten wir ins Meer geworfen, wann immer das Schlauchboot zu sehr zu schaukeln begann. Einigen Geflüchteten kam noch die Idee, das Boot abzubauen. So würde es noch einmal verkauft und erneut für Menschen eingesetzt werden können, die ihre Hoffnung darauf gesetzt haben, sicher von einer Küste zur anderen zu gelangen – wie wir es gerade getan hatten.

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