Der Schmetterlingstraum

Foto: Hareth Almukdad

Seitdem ich meine Heimat verlassen habe, bin ich keinem Schmetterling mehr begegnet. Schon als Kind habe ich die Schmetterlinge beneidet. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr ich mir immer wünschte, mich in ihresgleichen zu verwandeln. Noch nie habe ich einen bösartigen Schmetterling gesehen, der sich mit einem Artgenossen zankte. Ihre Welt war für mich bunt, voller Blumen und Blüten, beleuchtet von einer goldenen Sonne, die sie mit Wärme und Licht versorgte. Ich stellte mir vor, dass die Schmetterlinge die ganze Zeit Musik hörten. Immerhin weckte ihre Art zu fliegen bei mir den Eindruck, sie würden tanzen, während ihre Flügelchen die Luft sanft streichelten. Diese Vorstellung sorgte für Erheiterung in meiner kleinen Welt.

Einmal hatte ich einen Traum, in dem ich selbst ein Schmetterling war. Man sagt ja, Träume setzen das um, was die Realität zu verwirklichen nicht imstande ist. In jenem Traum waren die Schmetterlinge überaus lieb zu mir – das lag wohl daran, dass sie nicht sehr oft Besuch von Kindern bekommen. Sie stellten mir Dutzende Fragen. Einer von ihnen wollte beispielsweise wissen, warum Kinder nicht wie Schmetterlinge fliegen würden. Er wünschte sich, er könnte auch auf zwei Beinen laufen. Ein weiterer wiederum fragte mich: „Warum baut ihr Häuser statt auf einer Blume zu schlafen?“ Es gab aber auch einen Schmetterling, der von meinem Besuch nicht sehr begeistert war.

Er grummelte so etwas vor sich hin wie: „Ihr seid daran schuld, dass sich meine Freunde auf der Suche nach Licht verbrennen. Ihr habt überhaupt nichts mit uns gemeinsam. Ja, nicht einmal Flügel habt ihr! Meine Mutter sagte mal zu mir, dass Gott denen, die schlechte Absichten hegen, keine Flügel schenkt.“ In diesem Moment flatterte ein anderer kleiner Schmetterling neben mich. Er würde mich jeden Morgen auf dem Schulweg beobachten und wollte nun wissen, was wir in der Schule denn so lernten.

Mit blau-rosa Flügeln und leicht wie eine Feder schwirrte ich gemeinsam mit den Schmetterlingen umher. Wir flatterten von einer Blüte zur nächsten, ich umschmeichelte die Katze der Nachbarn, beobachtete meine Mutter beim morgendlichen Blumengießen und rief meine Geschwister, die mich allerdings nicht hören konnten. Die Musik der Menschen war unerträglich laut und beklemmend, was auch den von meinem Besuch aufgebrachten Schmetterling von vorhin dazu veranlasste, sich wieder zu Wort zu melden: „So sind sie, die Menschen. Sie machen Krach, reißen Blumen ab und haben glühende Lampen.“ Ich erklärte ihm, dass es auch viele gute Menschen gebe und wir die Schmetterlinge nicht absichtlich verletzten. Doch der Schmetterling war von seiner Meinung nicht abzubringen.

Ein anderer Schmetterling lud mich zum gemeinsamen Frühstück ein – es gab Blütennektar! Dabei erfuhr ich, dass Schmetterlinge jeden Tag den gleichen Nektar zu sich nehmen. Sie jammern nie und tanzen sogar ohne Musik. Sie lieben einander. Sie wissen nicht, was ein Reisepass ist, sie kennen keine Grenzen und brauchen kein Visum, um in ein Land zu kommen. Die bunten Schmetterlinge mögen die dunkelfarbigen Schmetterlinge, und die dunkelfarbigen Schmetterlinge tanzen mit den weißen Schmetterlingen. Und das Beste an ihnen ist, dass keiner von ihnen lügt! Mit einem Mal erwachte ich aus meinem Traum. Die Stimme meiner Mutter hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Es war Zeit, in die Schule zu gehen. Auf dem Weg dorthin versuchte ich dreimal zu fliegen – vergebens. Da bemerkte ich, wie ein Schmetterling um mich herumflatterte. Er winkte mir mit einem seiner Flügel zu. Es war einer der Schmetterlinge aus meinem Traum.

Heute bin ich 31 Jahre alt und hänge noch immer Schmetterlinge an mein Fenster. Noch immer träume ich jeden Tag davon, gemeinsam mit ihnen zu fliegen. Und jeden Morgen erwache ich aufs Neue und stelle ernüchtert fest: Weder reißt mich die Stimme meiner Mutter aus dem Schlaf, noch kann ich mit den Schmetterlingen fliegen.

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