Die lieben Nachbarn

Dass Nachbarn an unsere Tür klopfen, waren wir nicht mehr gewohnt. Umso mehr freuen wir uns über die nette neue Nachbarin. Foto: Hareth Almukdad

Auf Sturm folgt Frühling

In der kulturTÜR geht es immer wieder um Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen. Für mich waren ganz besonders die Begegnungen mit den Nachbarn prägend, mit denen ich Tür an Tür wohne. Da habe ich selbst schon eine ganze Menge erlebt, Schlimmes und Schönes, und möchte heute eine ziemlich drastische Geschichte erzählen, die sehr lehrreich war.

Nach langer, mühevoller Suche nach einer geeigneten Wohnung für meine große Familie und mich waren wir endlich fündig geworden. In dem Haus, in das wir einzogen, wohnte außer uns nur noch eine andere Familie im ersten Stock. Unsere erste Begegnung war sehr freundlich, zumindest dem ersten Eindruck nach, und wir freuten uns sehr über die netten Nachbarn.

Zwei oder drei Tage später erhielten wir einen Anruf von der deutschen Bekannten, die uns bei der Wohnungssuche geholfen hatte. Sie sagte uns, dass wir auf keinen Fall das Haus verlassen oder mit jemandem sprechen sollten. Sie würde sich sofort auf den Weg zu uns machen. Völlig überrumpelt und mit großen Fragezeichen im Gesicht standen wir da und warteten auf sie. Unsere Bekannte war auch dabei gewesen, als wir unsere Nachbarn aus dem ersten Stock zum ersten Mal getroffen hatten. Nun berichtete sie, dass unser Nachbar aus dem ersten Stock sie angerufen hätte. Er hätte ihr mitgeteilt, dass der Bewohner im Haus nebenan sehr erbost darüber sei, dass hier nun Araber wohnten, und er das Haus anzünden wollte, wenn wir hier weiterhin wohnen bleiben würden. Meine kleinen Geschwister gerieten augenblicklich in Panik. Bestürzt über diese Neuigkeiten hörten wir unserer deutschen Freundin weiter zu: „Ich werde ganz bestimmt nicht meinen Mund halten und diesen Schwachsinn so hinnehmen. Ich werde zu ihm gehen und mit ihm sprechen. Wenn er sich dann weiter aufspielt, rufe ich die Polizei. Macht euch keine Sorgen.“ Da standen wir also, völlig entsetzt, während sie nebenan den Nachbarn zur Rede stellte. Ich fand es einfach nicht fair, dass wir vor den Feuern des Krieges geflüchtet waren, um nun in den Feuern des Hasses zu verbrennen!

Kurz darauf kehrte unsere Bekannte mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht zurück. Sie sagte, der Mann nebenan hätte nicht die leiseste Ahnung davon gehabt, wovon sie überhaupt sprach. Er hätte mit niemandem über uns gesprochen. Der Mann sei sehr verärgert über die Unterstellungen gewesen.

Völlig entnervt eilte unsere Bekannte in den ersten Stock, um diesen dubiosen Sachverhalt zu klären. Unsere Bekannte warf den Nachbarn vor, verlogen und völlig hasserfüllt zu sein, und machte sie darauf aufmerksam, dass sie unverzüglich die Polizei über den Vorfall in Kenntnis setzen würde. Als die Nachbarn begriffen hatten, dass es ihr wirklich ernst damit war, die Polizei zu informieren, gaben sie es zu: Sie selbst hatten sich die Geschichte mit der Drohung, das Haus anzuzünden, ausgedacht. Sie wollten einfach nicht mit Fremden in einem Haus wohnen. Sie hofften, uns mit dieser Geschichte aus dem Haus treiben zu können. Unsere Bekannte meinte: Dann müssten sie schon selber ausziehen.

Von da an bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie auszogen, wechselten wir allenfalls ein „Hallo“, und auch das nur respekthalber, wenn wir uns zufällig begegneten. Die Tage vergingen und allmählich hatten wir uns an die Ruhe um uns herum und unsere stumme Tür gewöhnt, an der schon lange kein Klopfen mehr zu vernehmen war. Bis an einem schönen Frühlingstag eine Frau mit herzlicher Ausstrahlung und einem heiterem Lächeln auf den Lippen an unsere Tür klopfte. Da dieses Geräusch an unserer Tür uns mittlerweile schon fast fremd geworden war, öffneten wir nicht sofort. Aber sie stand voller Geduld und frohgemut vor der Tür und wartete. Als wir ihr schließlich die Tür öffneten, fing sie gleich an zu erzählen. Wir verstanden erstmal nur einige wenige Brocken von dem, was sie sagte, da sie in einer Sprache redete, die wir noch nicht beherrschten. Was wir aber verstanden, war, dass sie eine Nachbarin aus dem Ort war und sie uns kennenlernen wollte. Ich erklärte ihr unser Verständigungsproblem, und sie bemühte sich, langsamer zu sprechen. So konnten wir sie und ihre Familie trotz unserer schwachen Deutschkenntnisse gleich etwas näher kennenlernen. Sie wollte uns unbedingt beim Deutschlernen helfen und informierte uns auch über die Aktivitäten, die in der Nähe unseres Wohnortes stattfanden. Wir fühlten uns sehr wohl mit ihr.

Diese Geschichte zeigt wieder einmal, dass Verallgemeinerungen nichts bringen. Hätten meine Familie und ich den Vorfall mit der Nachbarfamilie aus dem ersten Stock zum Anlass genommen, alle Menschen über einen Kamm zu scheren, dann hätten wir bestimmt nie wieder jemandem unsere Hand zur Begrüßung reichen wollen. Aber dann hätten auch niemals die freundschaftlichen Beziehungen wachsen können, die wir heute in unserer Nachbarschaft haben.

Und wenn’s mal mit der Sprache nicht klappt? Dann tut’s auch ein Lächeln.

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Geschrieben von
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