„Sie brauchen jetzt keinen Sprachkurs!“

Foto: Hareth Almukdad

Rückblick auf meine ersten sieben Jahre in Deutschland

Es war ein kalter Abend im Februar 2013, als ich in Berlin ankam, um mir in der deutschen Hauptstadt ein neues Leben aufzubauen. Neun Monate zuvor war ich nach Deutschland gekommen, aber Berlin war für mich stets die Stadt der Chancen, in der ich hoffte, meine persönlichen Pläne umsetzen und Ziele erreichen zu können. Während meines neunmonatigen Wartens auf eine Aufenthaltserlaubnis in einer kleinen Stadt in Brandenburg, in der es keinen einzigen Sprachkurs für Geflüchtete gab, hat sich für mich dann bestätigt, wie elementar wichtig es war, in eine große Stadt mit Unterstützungsangeboten für Asylbewerber zu gelangen.

Nie werde ich den folgenden Satz vergessen: „Sie brauchen jetzt keinen Sprachkurs, gehen Sie in Ihr Wohnheim und essen und schlafen Sie einfach.“ Das antwortete mir die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde, als ich sie nach einem Sprachkurs fragte.

Ende 2012 wurde meinem Antrag auf Asyl stattgegeben und mir der Aufenthaltsstatus in Deutschland gewährt. Da war ich erstmal erleichtert, weil mein Aufenthalt in Deutschland für drei Jahre gesichert war. Gleichzeitig war mir durchaus bewusst, dass damit der „Marathon“ begann, in Deutschland Fuß zu fassen. Ich aber war wild entschlossen, alle Hürden zu überwinden.

Es ist nicht einfach, als Flüchtling den Fuß in ein Land zu setzen, von dessen Kultur und Sprache du nichts weißt. Ganz gleich, wer man in seinem Heimatland war, man fühlt sich wie ein Baby, das alles von Null neu lernt: Man muss sich die Sprache aneignen, und für die ersten Schritte braucht man Unterstützung oder Begleitung. Zum Glück hatte ich einen sehr guten Begleiter: „Reporter ohne Grenzen“. Die deutsche Organisation hat mich als geflüchteten Journalisten vom ersten Tag meiner Ankunft in Deutschland an begleitet und mir sehr geholfen.

Sehr gut erinnere ich mich an die Mitarbeiterin eines Berliner Bürgeramtes, zu dem ich einige Tage nach meiner Ankunft in Berlin für die polizeiliche Anmeldung gegangen bin. Ich sprach sie auf Englisch an, aber sie wollte sich partout nicht auf Englisch unterhalten. Als sie meinen Reisepass sah, sagte sie: „Sie leben in Deutschland und haben einen deutschen Pass. Sie müssen Deutsch sprechen. Warum können Sie kein Deutsch?“ Wahrscheinlich wusste sie schlichtweg nicht, dass mein Reisepass ein Dokument für Geflüchtete war und keineswegs ein deutscher Pass. Diese Szene machte mich sehr wütend, und ich fühlte mich fremd und diskriminiert. Ähnliche Dinge habe ich danach als Ausländer immer wieder erlebt. Aber keines dieser Erlebnisse hat mir meinen starken Willen oder meine Motivation genommen.

Aus meinem Heimatland habe ich meine journalistische Ausbildung und Berufserfahrung mitgebracht, und natürlich war mein großer Wunsch, auch in Deutschland als Journalist zu arbeiten. Ich verstand recht schnell, dass ich als Nicht-Muttersprachler in Deutschland nicht vom Journalismus würde leben können. Die große Enttäuschung kam, als ich 2014 einen Praktikumsplatz im journalistischen Bereich suchte: Ich verschickte mehr als 50 Bewerbungen an Medienhäuser und bekam durchweg Absagen. Für mich persönlich hatte die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 den positiven Effekt, dass das Interesse der deutschen Medien an Exiljournalisten plötzlich stark anstieg. So konnte ich endlich ein Praktikum bei der taz absolvieren: meine erste Arbeitserfahrung in der deutschen Medienbranche. Während dieser Zeit konnte ich gute Kontakte knüpfen, bin seitdem im engen Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen bei der taz und schreibe auch für die Zeitung. Dennoch entschloss ich mich, noch einen anderen Beruf zu erlernen, um weiterhin meinen Lebensunterhalt in Deutschland bestreiten zu können, und studiere nun Informatik.

Sieben Jahre ist meine Ankunft in Deutschland jetzt her. Ich habe in diesen Jahren hart gearbeitet, um mich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und meine Ziele zu erreichen. Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, dass ich schon viel geschafft habe, es aber noch viel zu tun gibt. Ich werde mich weiter bemühen, denn ich möchte eine nützliche Person für beide Länder sein: für meine Heimat Afghanistan und für das Land, das mir Schutz gewährt hat, Deutschland.

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