TEIL 2 | Von Admiral bis Zucker

Foto: Hareth Almukdad

Kaum zu glauben: Unter deutschen Dächern wird viel Arabisch gesprochen!

In Teil 1 im letzten Heft haben wir die historischen Hintergründe beleuchtet, auf welchen Wegen viele arabische Wörter nach fast 800-jähriger islamischer Herrschaft im maurischen Andalusien und nach rund 200-jähriger Vormachtstellung in Sizilien in den deutschen Wortschatz gelangt sind.

Jetzt, in Teil 2, stellen wir uns für die praktischen Beispiele eine Familie vor, die sich nach Feierabend im Wohnzimmer unterhält. Und dann fallen sie: die Wörter mit arabischem „Migrationshintergrund“. Wenn sich auch viele Worte den langen Weg über die Jahrhunderte in Aussprache, Klang und Bedeutung verändert haben, besitzen sie historisch arabische Wurzeln.

Unsere Geschichte

Noch außer Atem stürzt Tochter Lena ins Wohnzimmer. „Ihr könnt euch das nicht vorstellen! Ich habe gerade eine Polizeirazzia in der Stadt erlebt. Schnell bin ich weggerannt und bin dabei noch über ein schweres Kabel an einer Baustelle gestolpert und habe mir das Knie aufgeschlagen.“ (Razzia: arab. razwa: Kriegsund Beutezug. Kabel: arab. habl: Seil, gelangt im 14. Jh. ins Deutsche).*

Mutter Sabine legt einen Wattebausch über das blutende Knie. (Watte: arab. bitana: Unterfutter, gelangt über mittellateinisch wadda und im 16. Jh. die alte deutsche Form watten als Watte ab 17. Jh. in den deutschen Wortschatz)

Nachdem sie sich beide beruhigt haben, setzen sie sich mit Sohn Max gemütlich aufs Sofa und genießen kühle Limonade, hergestellt aus frischem Limonensirup, der in einer schönen alten Karaffe vor ihnen steht. (Sofa: arab. suffa: Ruhebank, Erhöhung, vom Verb saff: in Reihe stellen, 1694 ins Deutsche. Karaffe: arab. garrafa: Schöpfgerät, Flasche aus Glas, diese Form im Deutschen erstmals 1709, Limonensirup: arab: laimun, Zitrone, Limonada, Zitronenwasser Ende des 16. Jh. ins Deutsche. Sirup: arab. sharab: Trank, verkochter Fruchtsaft)

Währenddessen strömt der Duft von Safranreis mit Berberitzen und Auberginen aus der Küche. (Safran: arab. za’ faran, eine Krokusart, aus der Safran gewonnen wird. Berberitze: arab. barbaris: Sauerdorn. Aubergine: arab. badindjan: Eierpflanze). Nach einem anstrengenden Tag haben alle viel Hunger, und weil Mutter Sabine als Zahnärztin stark beschäftigt ist, bereitet sie das Essen schon immer morgens vor. Gerade erzählt sie von Patienten, denen sie immer noch Amalgamfüllungen entfernen muss, obwohl man schon lange von deren Gefährlichkeit weiß. (Amalgam: arab. amal al-djima’, Akt der körperlichen Vereinigung, Legierung eines Metalls mit Quecksilber, im Deutschen seit 1594.)

Zum Nachtisch steht ein Obstteller auf dem Tisch mit herrlichen Früchten: Aprikosen, Zwetschgen und Orangen. (Aprikose: arab. barquq: Pflaume, seit Mitte des 17. Jh. im Deutschen. Zwetschgen: arab. dimishq: Damaskus, eine Pflaumenart aus der Handelsstadt Damaskus. Orangen: arab. narandj: Apfelsine, erster Beleg im Neuhochdeutschen 1350 im Buch der Natur.)

Als sie so beisammensitzen, erzählt Max von seinen Schwierigkeiten in der Schule; er ist ein bisschen sauer auf seine Lehrerin. Aber alle wissen, dass er eigentlich nur zu faul ist, sich intensiv mit Algebra und Chemie zu befassen. (Algebra: arab. al-djabr: Wiederherstellung, im 12. Jh. in Europa. Chemie: arab. al-kimiya: Wissenschaft von den Stoffen.)

Lieber spielt er in einer Band Gitarre, Laute und Tamburin. (Gitarre: arab. qitara: Zupfinstrument mit sechs Saiten, um 1600 in Deutschland bekannt. Laute: arab. al‘ud, Instrument aus Holz. Tamburin: arab. tanbur, Verkleinerungsform von Tambur: Trommelschläger, Trommler.) Und außerdem verbringt er viel Zeit auf dem Tennisplatz und hat sich gerade erst ein neues Racket gekauft. (Racket: arab. raha: Handfläche, über frz. raquette im 16. Jh. ins Deutsche gelangt.)

„Wo bleibt eigentlich Papa?“, will Max ablenken. In dem Moment klingelt es. Vater Peter, der mit Freunden auf einer Safari war, kommt mit zwei schweren Koffern von seiner Reise zurück. (Safari arab. safar: Reise, Fahrt, im frühen 20. Jh. ins Deutsche gelangt. Koffer: arab. quffa: Flechtkorb, im Deutschen 1691 als Kuffer.)

Tochter Lena läuft ihm entgegen. Sie ist sehr neugierig und ahnt schon, dass ihr Vater schöne Geschenke mitgebracht hat. Kleider, Blusen, Tücher aus Satin, Damast und Chiffon kommen da zum Vorschein, weil Peter nicht vergessen hat, dass seine Frau und seine Tochter bald zu einer großen Gala in einem wunderschönen Kuppelbau gehen werden; einen Maskenball wird es dort ebenfalls geben. (Satin: arab. zaituni: Seide aus Zaitun, Hafen Tseutung in China. Damast: arab. dimashq: Damaskus, einfarbiges, feines Gewebe mit eingewebtem Muster. Im 19. Jh. blühte die Leinendamastweberei in Löbau, Zittau, Bielefeld und Salzwedel. Chiffon: arab. shiff: durchsichtiger Stoff, im 19. Jh. über das Französische ins Deutsche gelangt. Gala: arab. hil’a: Ehrengewand, das morgenländische Herrscher ihren Günstlingen schenkten, im 17. Jh. über das Spanische ins Deutsche gelangt, wo auch seit 1601 die Form Galan für Liebhaber, Buhler erscheint. Maskenball: arab. mashara: Possenreißerei aus shahara, spotten, sich lustig machen, im 17. Jh. als Maskerade ins Deutsche gelangt. Kuppel: arab. qubba, Kuppel, kleines Nebenzimmer, Wölbung über einem Raum, 1711 als Cupel und Koppel ins Deutsche gelangt.)

Den schönen Ring von 24 Karat Gold, den Peter seiner Frau mitgebracht hat, wird Sabine dann auch tragen (Karat: arab. qirat: kleines Gewicht, im Mittelhochdeutschen 1207 als garat). Als er den Ring gekauft hatte, konnte er zwar die Ziffern nicht richtig lesen, hat aber dann beim Handeln das Goldstück zu einem günstigen Tarif erwerben können. (Ziffer: arab. as-sifr: Null, Zahlzeichen. Tarif: arab. ta’rifa: Bekanntmachung, durch die Handelsbeziehungen mit dem Orient zunächst in Italien benutzt, seit dem 16. Jh. in andere europäische Sprachen gelangt.) Nach diesem aufregenden Abend gehen dann alle zu Bett, bevor sie sich am anderen Morgen am Frühstückstisch zu frischem Kaffee versammeln…, aber dass dieses Wort auch aus dem Arabischen stammt, haben wir ja schon im letzten Heft erläutert.

Fußnote: * Alle Beispiele in Klammern dieses Artikels sind verkürzt entnommen aus: Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft, Hrsg.: Nabil Osman, München 1982.

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