Wenn ihre Stimme im Raum erblüht

Foto: Osman Yousufi

Ein Interview mit Lina Atfah

Ein Abend im Literaturhaus in der Fasanenstraße im Dezember 2018. Das Publikum schweigt hellhörig, lauscht der Stimme, die die Freiheit zum Klingen bringt. Worte und Gesten der syrischen Autorin Lina Atfah nehmen den Raum ganz ein und uns alle mit zu einem Ort, an dem Grenzen überwunden werden können: zwischen Ländern, Menschen und dem Sagbaren. An diesem Abend steht sie auf der Bühne neben ihrer Tandempartnerin Nino Haratischwili, die als georgische Autorin die Besucher*innen deutscher Buchhandlungen und Theater begeistert. Sie beide wurden durch das Projekt „weiterschreiben. jetzt”, ein Portal für Literatur und Musik aus Krisengebieten, zusammengebracht. Was diese Verbindung mit Nino Haratischwili und die Literatur für sie bedeuten, verrät Lina Atfah der kulturTür in folgendem Interview.

Heute stehen Sie auf der Bühne des Berliner Literaturhauses als erfahrene Künstlerin; auch in Syrien kennen Sie viele Menschen aus den Zeitungen und Kulturhäusern. Wie aber kamen Sie zu Ihrer Kunst, zur Poesie?

Der erste Moment, in dem ich mich als Dichterin zeigte, war mit fünf Jahren an einem Silvesterabend, als ich das erste Mal einem Weihnachtsmann begegnete. Das mag komisch klingen, doch in Salamiyya feiern wir Weihnachten nicht, bekommen jedoch am Silvesterabend Geschenke. Mein Onkel kam damals mit langem Bart und rotem Mantel verkleidet in unsere Wohnung und schenkte mir eine Puppe. Da freute ich mich so sehr, dass ich ihm ein Gedicht aufsagen wollte. Das alte arabische Gedicht, das mir in den Kopf kam, habe ich dann in eine eigne Form verwandelt. Mit jedem Wort, dem ich mit Klang und Gestik Bedeutung verlieh, steigerte sich die Begeisterung meiner Familie. Sie erkannten meine künstlerische Begabung, gaben mir das Gefühl, eine Dichterin zu sein und bestärkten mich ab diesem Abend stetig in meiner Leidenschaft. Auch in meiner Heimatstadt Salamiyya habe ich große Unterstützung erfahren. Salamiyya ist keine reiche Stadt, jedoch investiert sie stets Geld in Bildung und Kultur und hat durch die Förderungen unseres Literaturhauses bereits viele namhafte Künstler hervorgebracht. So verdanke auch ich dieser Stadt meinen Start in das Literaturgeschäft – als Ort, an dem mir eine Bühne geboten wurde, um mich schon als junge Künstlerin auszuprobieren.

Für wen schreiben Sie?
Ich schreibe für alle Leser und Leserinnen. Meine persönlichen Er-fahrungen teile ich mit vielen, die sich in meinen Worten wiederfinden, und ich hoffe, dass ich die richtigen Worte finde, wenn ich mich in ihr Schicksal hineinversetze. Früher habe ich dabei alle Themen, auch die politischen, direkt beim Namen genannt. Mittlerweile hingegen formuliere ich subtilere Botschaften, verborgene Hinweise, weil ich gelernt habe, dass gerade diese eine immense Kraft besitzen. Viele Menschen hören täglich harte Fakten im Radio, die den schmerzhaften persönlichen Verlust in nackte Zahlen verwandeln. In diesen Zahlen finden sie keinen Ausdruck für ihre Gefühle und stumpfen ab, wenn neue Nachrichten eintreffen. Berührt und zum Nachdenken angeregt werden die Menschen erst, wenn sie in Geschichten, Lyrik und Musik kleine Details wiederfinden, die sie an jemanden erinnern. Ein Sprichwort, ein Bild oder ein vertrauter Gegenstand. Diese kleinen Details hängen nicht selten mit der Heimat zusammen, mit Liedern und Geschichten, mit denen man aufgewachsen ist.

Haben sich die Themen und Emotionen Ihrer Poesie geändert, seit Sie in Deutschland leben?

In Syrien widmete ich meine Worte der Freiheit, meinen Träumen… Hier in Deutschland aber erscheint mir meine Heimat wie ein weit entfernter Stern, den ich nicht erreichen kann. Also schreibe ich von Erinnerungen, dem, was ich verloren habe. Besonders wichtig ist mir auch der Umgang mit Kunst, Körpern und Sexualität in der Gesellschaft. Für diese Themen gibt es in meiner Heimat keinen Raum, sie werden sogar tabuisiert. Erst jetzt habe ich die Zeit und Chance, diese Themen offen zu beleuchten.

Wie sind Sie damals auf das Projekt „weiterschreiben.jetzt” aufmerksam geworden?

Ines Kappert, die gemeinsam mit der Autorin Annika Reich die künstlerische Leitung des Portals „weiterschreiben.jetzt” übernahm,hat meinen Text „Am Rande der Rettung“ in der Anthologie „Weg sein – hier sein“ gelesen. Sie schrieb mir eine E-Mail, wir trafen uns hier in Berlin, sie erzählte mir von „weiterschreiben.jetzt”, und ich wusste sofort: da wollte ich dabei sein! So einfach war es dann jedoch nicht. Als meine Texte das erste Mal von den Lektor*innen korrigiert wurden, war ich schockiert – solche Kritik kannte ich aus Syrien nicht. Ich brauchte eine Weile, um zu lernen, dass Kritik etwas Gutes ist. Doch inzwischen schätze ich sehr, dass meine Texte von vielen Augen geprüft werden, bevor sie veröffentlicht werden.

Wie haben Sie Nino Haratischwili kennengelernt?

Die Idee des Projekts „weiterschreiben.jetzt” ist es, Tandempartnerschaften aus deutschen Muttersprachler*innen und Autor*innen aus Krisengebieten zu schaffen, um sich über das Literaturgeschäft auszutauschen. Als Nino und ich zusammengebracht wurden, fingen wir an, E-Mails auszutauschen. Uns fiel auf, dass wir viele Gemeinsamkeiten teilten, ähnliche Mentalitäten und Erfahrungen aus unserer Kindheit. Wir konnten Geschichten austauschen, über unsere wunderbaren Großmütter, die uns bildreich von vergangenen Zeiten erzählten. Schließlich gewann Nino Haratischwili den Hertha-KönigPreis und nominierte mich als zweite Preisträgerin. So wurde ich die erste arabische Preisträgerin dieser Ausschreibung. Außerdem erhielt ich eine Anfrage vom Pendragon Verlag – sie wollten meine Gedichte in einem Band veröffentlichen, der im März 2019 erschienen ist und direkt auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurde.

Was ist das Besondere an Ihrer Tandempartnerschaft?

Mit Nino kann ich viel lernen. Sie ist eine erfahrene Autorin und kann mir Tipps für den ersten Roman geben, den ich bald schreiben möchte. Gleichfalls habe ich vor, einen ihrer Prosatexte ins Arabische zu übersetzen. Ihr bekanntestes Werk, „Das achte Leben“, werden wir wahrscheinlich nicht dafür auswählen, denn es ist mehr als 1200 Seiten lang. Ein so umfangreiches Werk zu übersetzen und auf dem arabischen Buchmarkt zu verkaufen, wäre sehr teuer und mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Also übersetze ich lieber eins von Ninos Theaterstücken, die kürzer und ebenso interessant sind.

Welchen Rat möchten Sie dem Team von kulturTÜR mit auf den Weg geben?

Schreibt immer weiter und probiert Neues aus. Wollt ihr wirklich an eurem Ausdruck arbeiten, lest viel von verschiedenen Autor*innen, übt und experimentiert in eurem Stil. Und vor allem: Befreit euch von Vorurteilen, bewahrt die Hoffnung und befragt stets euer Herz. Bleibt euren Wünschen treu und schreibt immer weiter!


Foto: Osman Yousufi

Lina Atfah kommt aus der syrischen Stadt Salamiyya und hat in ihrer Heimat für verschiedene Zeitungen geschrieben. In Deutschland lebt sie seit dem Jahre 2014 und verfasste bereits Artikel für die ZEIT sowie verschiedene Gedichte wie „In meiner Hand erblühte”. 2017 erhielt sie den „Kleinen Hertha-KönigPreis” als Anerkennung für ihre Lyrik.

Nino Haratischwili wurde in Tiflis, Georgien, geboren und lebt seit 2003 im Hamburg. Ihr Familienepos „Das achte Leben” wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. 2017 hat sie den Hertha-König-Literaturpreis erhalten. Als Trägerin des Nachwuchspreises schlug sie Lina Atfah vor.

Schlagworte dieses Artikels
, ,
Geschrieben von
Mehr von Janneke Campen

Angstfrei lernen? Das geht!

Der Verein „Yaylas Wiese“ setzt auf frohe Lernerlebnisse an Stelle von Frustration...
mehr